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Weltfremd

geschrieben von Alldaris 
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Weltfremd
02. August 2006 22:37
Seit Aristoteles (wahrscheinlich auch schon früher - ich bitte um Aufklärung derer die es besser wissen) gibt es eine Strömung in der Philosophie, die die Vernunft als oberste Instanz zur Erkenntnisgewinnung ausgemacht haben will. Aristoteles selber sagt:
"Der Mensch ist ein "vernunftbegabtes" Lebewesen"
Aussagen wie: Der Mensch unterscheidet sich vom Tier durch seine Begabung zur Vernunft, ein Mensch der seine Vernunft nicht nutzt, sei nicht mehr als ein Tier - geben ein kleinen Vorgeschmack darauf, was noch kommen sollte, die Vernunft bestimmt das Wesen des Menschen.

Das zog sich fortan durch die gesamte Philosophiegeschichte. In der Aufklärung galt die Vernunft als Erkenntnismaßstab schlechthin, und mit Hegel gipfelt diese Auffassung in der "Weltvernunft".

Kant hat das kritisiert: Zwar sei die Vernunft das Beste was wir zum Erkenntnisgewinn haben, unfehlbar sei sie nicht. Auch bei Kant bleibt die Vernunft - trotz Kritik - der oberste Maßstab zur Erkenntnisgewinnung.

Skeptiker und Empiristen haben ihren Teil dazu beigetragen, den unerschütterlichen Glauben in die Vernunft zu relativieren.

Adorno kritisiert die Instrumentalisierung der Vernunft, und Betrand Russel sagt nicht zu unrecht:

"Vernunft hat einen ganz klaren Sinn. Vernunft ist die Wahl der richtigen Mittel zu einem bestimmten Zweck. Die Wahl des Zwecks hat damit nichts zu tun."

Ich stelle mich nun auf die Seite der Kritiker der Vorstellung von der "Vernunft als Vorherbestimmung des menschlichen Wesens". Der Mensch ist mehr als nur Vernunft, sein Wesen ist nicht vorherbestimmt (Sartre), er bestimmt es (sein Wesen) selbst, auch wenn das bedeuten sollte, dass er der Vernunft den Rücken zukehrt.

Und wenn ich entscheide, die Vernunft nicht als Erkenntnismaßstab zuzulassen (ob in der Erkenntnistheorie, oder darauf aufbauend in der Ethik), so ist dies mein Gutes Recht.

Vom Menschen die Vernunft zu fordern (oder gar eine "Weltvernunft" zu postulieren), während es derer zahlreiche gibt, die nach dem Recht verlangen ihr Wesen selbst zu bestimmen, ist (z.B.) das, was ich "Weltfremd" nenne.

Was meint ihr dazu?

---
gruß,
Alldaris


... und wenn am Ende alle Stricke reissen, dann häng ich mich auf!

Homepage: http://people.freenet.de/Sandy.dynalias.org/
Forum: http://30967-0.forum.alluwant.de/



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 07.08.06 12:36.
Re: Weltfremd
03. August 2006 00:56
Eigentlich kann ich dazu nur sagen das vernunft eine glaubensfrage ist die man für sich ganz persönlich aktiv oder passiv trifft. Alles weitere leitet sich daraus ab und bleibt somit eine glaubensfrage, die wie immer mit ja oder nein beantwortet werden kann und schlichtweg nicht überprüft werden kann. Wir sind zwar vernunftbegabt, aber das hat eigentlich ja nichts zu bedeuten. Zum philosophischen werdegang kann ich nicht viel sagen. Ich kann mich dir im kommentar weitgehen nur anschließen, vernunft mag löblich sein aber das ist vieles und trotzdem ist mir geschichtlich wenig bekannt wo die menschen zumindest als menge jemals wirklich vernünftig gehandelt hätten. Wenn sich jemand also vernünftig verhält so tut er dies aus eigener freier entscheidung wie schon gesagt. Wenn vernunft SO wichtig wäre hätte sie sich meiner meinung nach stärker durchgesetzt. Vieleicht sollte man jedoch hier auch stärker differnzieren, im philosophischen sinne mag die vernunft im laufe der zeit an bedeutung gewonnen haben, dies bedeutet jedoch noch lange nicht das sich dies auf die "menschheit" übertragen lässt. In einem gewissen sinne meine ich das sogar noch drastischer ist, vernunft wird im allgemeinem immer stärker dazu verwendet unvernünftiges mit einem deckmantel zu verschleiern. Im grunde sind wir heute auch nicht vernünftiger als vor 500 oder 5000 jahren. Wir mögen zwar einige dinge aufpoliert haben, was jedoch nicht viel bedeutet. Man hatte damals wie heute genau die gleiche eigene glaubensfrage zu beantworten, verhalte ich mich vernünftig oder nicht?
Mfg PaWel



1-mal bearbeitet. Zuletzt am 03.08.06 00:59.
Re: Weltfremd
07. August 2006 00:22
> Seit Aristoteles (wahrscheinlich auch schon früher
> - ich bitte um Aufklärung derer die es besser
> wissen) gibt es eine Strömung in der Philosophie,
> die die Vernunft als oberste Instanz zur
> Erkenntnisgewinnung ausgemacht haben will.
> Aristoteles selber sagt:
> "Der Mensch ist ein "vernunftbegabtes" Lebewesen"
> Aussagen wie: Der Mensch unterscheidet sich vom
> Tier durch seine Begabung zur Vernunft, ein Mensch
> der seine Vernunft nicht nutzt, sei nicht mehr als
> ein Tier - geben ein kleinen Vorgeschmack darauf,
> was noch kommen sollte, die Vernunft bestimmt das
> Wesen des Menschen.

Das was antike Griechen unter nous verstanden, scheint - um es sehr vorsichtig auszudrücken - nicht ganz identisch zu sein mit dem, woran wir denken, wenn wir von Vernunft reden. Darüber gibt es einen Aufsatz von Richard T. Wallis, NOUS as experience, in: The Significance of Platonism, 1976, S. 121-153.

Aristoteles wollte den Menschen definieren - ein durchaus löbliches Vorhaben - und verfiel dabei auf die Vernunft als Abgrenzungsmerkmal gegenüber der Tierwelt. Die ihm darin folgende mittelalterliche und frühneuzeitliche Philosophie war aber immerhin in der Lage, den homo zwar einerseits von den bruta oder bestiae abzugrenzen, andererseits aber ihn als animal unter den anderen animalia zu begreifen, also die Zuständigkeit der Zoologie (scientia de animalibus) für ihn ohne weiteres zu akzeptieren. Eine separate Anthropologie (scientia de homine) gab es nicht, obwohl natürlich anthropologische Fragen erörtert wurden.

Die Aussage, die Vernunft bestimme das Wesen des Menschen, kann so verstanden werden, daß sie als Definitionsmerkmal taugt, woraus aber nicht gefolgert werden muß, selbiges Wesen erschöpfe sich in ihr. Zwar sagt Albert der Große: homo solus intellectus, aber das ist eine Sondermeinung von ihm. Die Vernunft kann als Abgrenzungsmerkmal hergenommen werden, ohne daß der Mensch auf sie reduziert wird. Die wirklichen Schwierigkeiten, denen dieser Abgrenzungsversuch begegnet, dürften im Bereich animal mind liegen, d.h. im graduellen Charakter des mit "Vernunft" gemeinten Merkmalbündels; vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/The_Mind_of_an_Ape.
und:
http://www.alexfoundation.org/papers/JCPAlexComp.pdf
und:
http://www.alexfoundation.org/papers/JCP_Mirror.pdf

Nicht übersehen werden sollte ferner ein überlebensfreundlicher Aspekt des Vernunftgebrauchs, ausgedrückt in der Feststellung: Logic is the art of going wrong with confidence.
kos
Re: Weltfremd
08. August 2006 01:32
Anders gesagt: definiere "Vernunft". :)
Re: Weltfremd
08. August 2006 01:55
Das versuche ich zur Zeit gerade =)

---
gruß,
Alldaris


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Re: Weltfremd
16. August 2006 13:10
Alldaris schrieb:
-------------------------------------------------------
> Das versuche ich zur Zeit gerade =)

Bei deinem Versuch, die Vernunft zu definieren, könnte sich vielleicht folgende Seite als anregend erweisen: http://deoxy.org/evasion/toc.htm

Es geht dort um den Begriff sanity, der im wesentlichen dem entspricht, was man hierzulande unter Vernünftigkeit versteht, und somit einschlägig ist.
JGC
Re: Weltfremd
25. December 2006 23:21
Tja..

Hei Leute..

Ist Vernunft nicht eine Syntese aus den Informationen, die das Gedächnis bereithält, zusammen mit den Erwartungen, die man an eine Sachverhalts-Betrachtung zieht?

Und gehören nicht auch noch zusätzlich gleichzeitig die Erfahrungen aus den emotionalen Aspekten dazu , die eine Aussage treffen, wie Gut oder wie Schlecht das Vergangene, bzw. das zukünftige daraus werden könnte???

Vernunft stellt meiner Ansicht nach einfach eine Mitte dar, von der aus alle Gegebenheiten vermittelnd und im Zusammenhang bringbar sind, so daß das Ganze Geschehen einen logischen Sinn ergibt und gleichzeitig aber auch eine menschliche, faire und zukunftsträchtige Entscheidung treffen lässt..

wäre das ok??

JGC
nicht vollkommen definiert
Re: Weltfremd
01. September 2007 20:02
Vernunft als Maßstab für das intakte Zusammenleben bezüglich sämtlicher Bausteine des Lebens, hinsichtlich einer effizienten Harmonie- sowie Gerechtigkeit-vollkommenem Bestreben, resultierend aus natürlicher, gefühlter, unfehlbarer Objektivität?

Wie wäre es mit Erörterung? Vernunft ist eine Art unbewusster selbstständig im menschlichem Gehirn ablaufender Prozess, ebenfalls verbunden mit emotionaler Subjektivität, basierend aus gegebenen, lebenserfahrenen, individuellen Umständen.

Die Vernunft und die darauf folgenden Handlungen (sofern sie praktiziert werden), sei eine Art Selbstschutz, Überlebensinstinkt der menschlichen Psyche. Schließlich hängt der weiterführende Verlauf des Bewusstseins u. a. vom Gewissen ab.

Der Mensch besitzt gegensätzlich zum Tier eine "Begabung zur Vernunft", da diese notwendig erscheint um weiterhin mit der Fähigkeit des Menschen, einer verhältnismäßig fortgeschrittenen Intelligenz, zu existieren.

Eine Art Sicherheitssystem, als Vorbeuge von selbstzerstörerischen Viren (im ethischem Sinne).
oX
Re: Weltfremd
02. September 2007 17:20
ich bin der meinung das vernunft von gewählten weltbild abhängt
wenn man keins hat hilft sich die vernunft
eben aus dem selbstbildnis heraus

was für den einen vernünftig ist mag fuer den anderen völliger quatsch sein
so kann man davon ausgehen wenn sich die "vernünfte" von verschiedenen
weltbildern sich polarisieren

das sich dann VERNÜNFTE zu Weltvernünfte gruppieren
und diese sich durch gedankenaustausch (z.b. via Internet)
versuchen sich zu arrangieren...

Vernunft könnte man so auch als eigenständiges Wesen betrachten
dessen lieblingsträger empfindungsfähige sendungsbewusste wesen sind
insbesondere des menschens.....

wie ein parasit der durch sozialisierung
zu vorteilhaften symbionten ausgewachsen ist

btw.. ist das gehirn vielleicht ein SYMBIONT?

zum leben braucht man das gehirn ja nicht..
siehe quallen seit jahrmillionen bewährt
die haben auch nur nervenbahnen aber kein gehirn
die tintenfische haben sogar mehrere..

übrigens messungen nach zu folge
wenn man versuchen würde die quelle der gehirnfrequenzen
aller offiziell bekannten bänder zu tracken

dann wäre das bewusstseinszentrum
im wachzustand beim menschen etwa ein halben bis ganzen meter
HINTERM NACKEN!!! und im schlafzustand
verlagert sich das dahin wo das gehirn ist...

irgendwie kommt mir das sehr bekannt vor
weil ich im zusammenhang mit den schamanen
von sogenannten welteinknüpfungspunkten höre
schade den exakten namen dafür weiss ich leider nicht mehr
Re: Weltfremd
17. September 2007 15:22
Hi Alldaris,

vielleicht solltest Du die ganze Sache etwas differenzierter angehen.

Was heißt bei Dir z. B. Erkenntnis? Bzw.: wozu willst Du sie benutzen?

Ich weiß nicht, ob Aristoteles es so meinte (immerhin heißt ein Teil seiner Logik (Organon) ja "Lehre vom Satz"), aber Vernunft ist immer dann unverzichtbar, wenn man sich in einer Art mitteilen will, dass der Empfänger seinerseits darüber kommunizieren kann; und zwar sowohl mit Dir wie mit Dritten.

Es gibt aber durchaus auch Erkenntnisarten, die nicht kommuniziert werden müssen oder können. Als Beispiel für Ersteres setze ich hier Selbsterkenntnis, als Beispiel für Letzteres Gotteserkenntnis.

Zu Letzterem zuerst: Gott - oder was immer da "wohnt", wo wir ihn vermuten - läßt sich nur dann "erkennen", wenn man sich über alle trennenden Unterscheidungen erhebt; inklusive der Unterscheidung zwischen dem Erkennenden und dem Erkannten. Gotteserkenntnis ist mystisch und läßt sich nicht formulieren; sie unterliegt nicht den Gesetzen der Logik und ist m. E. auch nicht vernünftig.

Zu Ersterem: natürlich kann man versuchen, sich zu analysieren. Das Problem dabei ist aber: man ist sich selbst gegenüber nicht objektiv. Um dennoch zu gültigen "Erkenntnissen" zu kommen, muss man sich daher selbst überlisten; was wiederum ziemlich schwierig ist, weil man ja ständig bei sich selber "mithört". Es braucht also eine Strategie, die vom eigenen "vernünftigen Denken" teilweise unabhängig ist; Assoziationsspiele z.B. Die dadurch gewonnene Erkenntis erscheint spontan aus der Black Box Deines Unterbewußtseins; Du bist Dir ihrer sicher, ohne sie beweisen zu können.

Kurz gesagt: auf Russell könnten wir uns einigen - mit einer Einschränkung: statt "Wahl des Zwecks" sollte es besser "Wahl des Letztzwecks" heißen, damit es nicht wie eine Aufforderung klingt, Chaos zu stiften und zu verbreiten.

Beim autofahren z. B. bin ich vehement dagegen, die Frage nach dem "Warum" als Zweck des Fahrens vernunftfrei zu stellen. Ich denke, dass Autofahren zweckdeterminiert ist - und dieser Zweck heißt nicht Spaß haben, cool sein oder andere beeindrucken.

Grüße

Grägar