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Der Wille und seine Grenzen

geschrieben von Alldaris 
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Re: Der Wille und seine Grenzen
05. July 2006 04:09
@ Alldaris
>Hallo nwabueze. Wie geht's Dir?
Mit zunehmendem Lebensalter immer besser.

Warum hast Du mich
> so lange auf eine Antwort von Dir warten lassen?
Wollte erst mal die Reaktionen auf das unkonventionelle Thema abwarten, statt mich meiner sonstigen Gewohnheit folgend vorzudrängen.

> Wieso verstehen manche Menschen mich und meine
> Texte und Intentionen überhaupt nicht, und andere
> auf Anhieb? Warum wollen einige in meinen
> 'radikalen' Worten nichts anderes als die pure
> Boshaftigkeit, und andere ganz richtig meinen
> Wunsch nach dem Lernen durch die Widerrede
> erkennen?
Boshaftigkeit hat dir, soweit ich sehe, niemand unterstellt; die Metapher von den bösen Buben war wohl nicht auf dich persönlich gemünzt, sondern auf manche erfolglose Bemühungen des homo sapiens, seinen Willen zur Geltung zu bringen.

> Und wieso geht es mir selbst mit fremden Texten
> und Autoren auch so? Das ist frustrierend.
Hierauf läßt sich dein Grundsatz, daß der Mensch (in diesem Fall du) kann, was er will, und nicht will, was er nicht kann, ganz besonders gut anwenden. Du verstehst die Texte auf Anhieb, weil du das willst. Und das zu wollen bzw. nicht zu wollen ist natürlich dein gutes Recht. Die Menge der Texte, die du auf Anhieb einleuchtend findest, ist begrenzt durch das, was du gegenwärtig bist bzw. sein willst. Wenn du damit zufrieden bist, ist das natürlich voll in Ordnung. Nun hast du aber beschlossen, es frustrierend zu finden. Das ist ein Signal von dir an dich selbst, die Gesamtmenge dessen, was du sein willst, zu erweitern. Damit wären wir an dem bereits diskutierten Punkt: der Gegenpol sein können. Das kannst du ja auch bleiben lassen, aber dein Frust ist doch ein deutliches Zeichen, daß du es besser nicht bleiben läßt.

> > Praktisch sieht es so aus, daß der Mensch
> > tatsächlich im Prinzip potentiell alles kann,
> was
> > er will, aber dies ihm nicht so viel nützt, wie
> er
> > sich einbilden mag. Er kann zwar alles, was er
> > will, aber von dieser Regel gibt es eine
> Ausnahme:
> > Er kann nicht alles wollen, was er will. Eben
> > daran scheitert er, und dieses nicht wollen
> Können
> > ist ein echtes Nichtkönnen. Er will wollen,
> aber
> > es gelingt ihm nicht.
>
> Ich hatte immer geglaubt, dass eben genau dieser
> Unterschied zwischen Wollen und Nicht-Wollen den
> erfolgreichen vom erfolglosen Menschen
> unterscheidet. Aber so wie ich Dich verstehe,
> scheinst Du zu glauben, dass es einen solchen
> Menschen überhaupt nicht geben kann?

Hier sind wir der Unschärfe der Begriffe zum Opfer gefallen. Im Ausgangsbeitrag ist ständig von "dem" (freien) Menschen die Rede, doch ist nicht ganz klar, ob damit gemeint ist (a) jeder einzelne freie Mensch, der bisher gelebt hat, als Individuum oder (b) die Menschheit als Kollektiv, das kollektiv handelt und von Generation zu Generation Erfahrungen sammelt oder (c) der Normalfall des freien homo sapiens, der die Ziele seines Willens ohne äußeren Druck festlegen kann (wobei Ausnahmen von diesem Normalfall konzediert werden) oder (d) du als Mensch, der seine persönliche Erfahrung verallgemeinert. Ich ging jedenfalls von (c) aus und bin durchaus der Meinung, daß es Menschen geben kann und gegeben hat, die wollen können, was sie wollen, und das dann auch erreichen. Drei derartige Genies seien namentlich genannt: Lao Tse, Shakyamuni Buddha und Meister Eckhart. Das sind eben Ausnahmen von dem Normalfall, den ich beschreiben wollte. Die Annahme, daß diese drei in dem von dir gemeinten Sinne freie Menschen waren, ist natürlich nicht beweisbar, es wird nur indirekt gefolgert aus der Überlegung, daß sie andernfalls zu bestimmten Aussagen nicht fähig gewesen wären, was nur ein Indiz ist, aber ein ziemlich starkes.

> Worin liegt dann der Erfolg der Menschheit, wenn
> nicht im Wollen?
Die Menschheit als Ganzes ist nicht unbedingt ein Erfolgsmodell; das dürfte gerade dir als eifrigem Nietzsche-Leser klar sein. Ich spreche daher lieber vom Erfolg einzelner Individuen. Deren Erfolg liegt in der Tat im Wollen, aber nicht im Wollen allein, sondern in der geglückten Synthese der beiden Gegenpole Wollen und Nicht-Wollen. Im Buddhismus nennt man das "absichtslos kämpfen".

> Was ist es denn, was die großen Erfinder und
> Visionäre von den 'gewöhnlichen' Menschen
> unterscheidet?
Die Fähigkeit, den Gegenpol zum bisher allgemein Akzeptierten zu erkennen und dann selbst dieser Gegenpol zu sein und durch dieses Sein zu demonstrieren, daß selbiger Gegenpol kein Hirngespinst ist.

> Örgs... das.. naja... das kenne ich gut.
> Aber dennoch hat jeder schon einmal etwas erreicht
> im Leben, und wir führen das (vieleicht aus
> Eitelkeit?) doch wohl sehr häufig auf unseren
> unbeugsamen, dauerhaften Willen zurück?

Dem unbeugsamen Willen mißtraue ich. Erfolgreicher Wille ist beugsam, und gerade das ist sein Erfolgsrezept. Er orientiert sich an der Natur, und das Leben ist prinzipiell beugsam. Unbeugsamkeit ist Erstarrung und alles Starre zerbricht.

> > Sehr interessante und konkrete, praktische
> > Erfahrungen mit der Reichweite seines Willens
> > macht der Mensch, der meditiert. Er beginnt die
> > Meditation nämlich mit einem Willensakt, er ist
> > beseelt vom Willen, es richtig zu machen, und
> das
> > heißt: seinen eigenen Geist seinem Willen zu
> > unterwerfen.
>
> Du meinst mit 'Geist' mentale Prozesse,
> ungefilterte, unkontrollierte Gedanken?
Gewiß.

> Geht es um Unterwerfung der eigenen Gedanken durch
> den Willen?
Ja, wobei Unterwerfung wohl nicht der treffendste Ausdruck ist, wegen möglicher falscher Assoziationen. Besser wäre die Formulierung: Auslöschung eigenen Gedankenmülls. Bewirken, daß er immer schwächer wird, immer besser als bedeutungslos erkannt wird.

> Ich fände es bessser die Gedanken einem Willen
> zuzuordnen, und diesen dann zur 'Perfektion' zu
> bringen.
Ich meinte Gedanken, die Ballast sind, Müll. Womit ich nicht meine, daß der Müll vernichtet werden sollte; eher könnte man es ein Recycling des Gedankenmülls nennen. Auslöschen also nicht im Sinne von Vernichten (als Ergebnis eines Kampfs), sondern im Sinne der Metapher des Erlöschens einer Flamme, der kein Brennstoff mehr zugeführt wird.

> Denn Deine letzte Frage ist durchaus berechtigt:
> Warum sollte man sich selbst so martern, indem man
> alle mentalen Prozesse dem Willen unterordnet?

Man martert sich, indem man sie einfach ablaufen läßt; die überflüssigen mentalen Prozesse sind ja selbst die Marter, und sie sind auch das Leck, durch das die Willenskraft abfließt. Sie zum Erlöschen bringen ist die Freiheit.
JGC
Re: Der Wille und seine Grenzen
25. December 2006 23:31
Hi..

Ich behaupte..

Der Wille lässt einen einfach nur Entscheidungen treffen!

Entscheidungen, die aus einer Auswahl determinierter Möglichkeiten besteht(Machbarkeiten)

Das heisst für mich, ich kann nur das tun, von dem mir einfällt, das ich es tun könnte. Habe ich keine Vorraussetzungen in Form irgendwelcher Grundinfos, so kann ich zu entsprechenden Sachverhalten oder Themen auch keine Bedürfnisse entwickeln, welche mir erst das Gefühl initiieren, etwas bestimmtes zu wollen...

Das also jeder seinem persönlichen Vorraussetzungs-Rahmen gehorchen muss, welches ihm seine jeweilige emotionale Prägung(Entschlussfreude, Risikobereitschaft) und sein jeweiliges Wissen(Bildung und Auffassungsgabe) bietet.

Wir sind also nur so frei, wie unser jeweiligen bestimmenden Bedingungen erlauben. Hab ich in manchen Fällen keine Traute, kein Plan , keine Power oder kein Bedürfnis, so muss ich auch manchmal verzichten, statt blind in mein Unglück zu rennen..(oder Moment-Wirklichkeits-Studien betreiben um einen erfolgversprechenden Plan zu erledigen.

Motivation ist meines Erachtens die erste Bedingung, die ein "wollen" in mir erzeugt..

Sagte nicht schon Hannibal Lektor, der Mensch begehrt, was er sieht???

Die ganze Werbebranche arbeitet nach diesem Prinzip..

so long................JGC
Re: Der Wille und seine Grenzen
08. January 2007 23:10
Der Religionskritiker Salomon bestreitet den freien Willen mit dem Argument: Man kann zwar etwas wollen, aber man kann nicht entscheiden, was man will. Nun ja- wenn man etwas wollen kann, kann man auch über sein wollen reflektieren, und etwas wollen wollen. Nach Salomon kannn man dann aber nicht wollen, was man wollen will. Nun kann man darüber aber auch reflektieren, das wollen-wollen wollen, undsoweiter ad infinitum. Man verliert aber den Überblick, geb ich zu. Aber nicht nur freier Wille, auch Bewusstsein und "Ich", diese Begriffe basieren alle auf solchen Zirkelschlüssen bzw. unendlichen Regressen (Münchhausen- Trilemma). Das ist ganz normal, trotzdem existieren sie als Begriffe. Ob sie auch real existieren (ontologisch) kann man nicht beweisen. Aber ich denke (im radikalkonstruktivistischen Sinne), dass man sowieso keinerlei Realitätsteile beweisen kann, sondern nur ihre Begrifflichkeit und deren Viabilität (einigermassen viabel) erfassen, besser, rekonstruieren kann.
Zweitens, zur Handlungsfreiheit und dem Erfolg von Handlungen: Eine Gesellschaft, die demokratisch und pluralistisch ist, funktioniert ja nicht ausschliesslich kybernetisch, sondern vor allem auch chaotisch, umso mehr, je mehr Basisdemokratie, Selbstorganisation und freie Interaktion es gibt. Nun gibt es bei Fraktalen ja das Phänomen der Selbstähnlichkeit von kleinen (Individuum) Bereichen und grossen (Gruppen bzw. Gesamtsystem) Bereichen. Können wir daraus eine optimistische Haltung für eine freiere Gesellschaft ableiten in dem Sinne, dass der Wille des einzelnen sich nach oben hin durchsetzt und das Gesicht des Gesamtsystems mitprägt, auch, wenn es nicht für alle Handlungen kybernetische Regelkreise (z.B. Parlamentswahlen oder Räte im Sinne der Rätedemokratie) gibt?
JGC
Re: Der Wille und seine Grenzen
09. January 2007 11:02
@ Wohlwill..

Das hört sich jetzt zwar etwas kompliziert an, aber genau so sehe ich das auch....

Die emotionalen und geistigen Kräfte der Bedürfnisentwicklungsprinzipien funktionieren meiner Ansicht nach genau so wie das Verhalten von elektrischen Ladungen und Feldern untereinander auch und zeigen die selben Auswirkungen... Ladungen verstärken sicch/schwächen sich und überlagern sich, und Spannungspotentiale addieren multiplizieren und potenzieren sich..

Mit Hilfe von Mengenlehrerischen Standpunkten lassen sich zumindest die generellen Prinzipien ableiten, wenn auch keine exakten Vorraussagen ableitbar sind, aber immerhin richtungsweisende Tendenzen definiert werden können, was ja schon mal eigentlich eine ganze Menge ist...


JGC