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Phillipa Foot - Die Natur des Guten

geschrieben von Alldaris 
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Phillipa Foot - Die Natur des Guten
02. March 2006 04:08
Moral der Erdbeeren

Philippa Foot zeigt, warum man über Moral reden kann, ohne mit den Menschen leiden zu müssen

Ein schmales Buch, das es aber in sich hat, und dem man wünschen muss, dass es bewirkt, was die Autorin mit der deutschen Übersetzung beabsichtigt: „Ich hoffe, in einen stärkeren Austausch mit Studenten im deutschsprachigen Raum zu treten.“ Die Verfasserin, emeritierte Philosophie-Professorin an der Universität von Kalifornien in Los Angeles, hält das angesichts der Entwicklung der Moralphilosophie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts für dringend erforderlich.

Gegen die in dieser Zeit entwickelten Ansichten argumentiert sie: Man höre von amerikanischen ebenso wie von deutschen Studenten immer wieder, dass moralische Urteile subjektiv seien. „Es hatte sich eine logische Kluft aufgetan zwischen Tatsachen einerseits, wie z.B., daß jemand entführt, gefoltert oder getötet worden war, und der Einstellung, die jeder einzelne Sprecher bzw. jede beliebige Gruppe von Sprechern zufälligerweise zu diesen Vorkommnissen einnehmen könnte. Sofern auf Konsistenz geachtet wurde, konnten selbst moralische Urteile aufrechterhalten werden, die ganz offensichtlich anstößig waren.“ Das kann aber nicht richtig sein. Gibt es denn diese von den Subjektivisten bezeichnete Kluft überhaupt? Philippa Foot meint, es gäbe sie nicht, und sie will uns zeigen, dass alle subjektivistischen Theorien auf einem Irrtum beruhen.

Subjektivisten meinen, dass zu der reinen Beschreibung, jemand sei misshandelt worden, die Einstellung oder das Gefühl hinzu kommen müsse, dass dies schlecht sei. „Aussagen über Tatsachen waren behauptbar, wenn ihre Wahrheitsbedingungen erfüllt waren, moralische Urteile dagegen fanden ihre Äußerungsbedingungen wesentlich in der subjektiven Verfassung des Sprechers.“ Erst dann hätten wir es mit einer moralischen Aussage zu tun, meinen die Subjektivisten. Foot bestreitet das: „Es gibt meines Erachtens keine derartigen Bedingungen für moralisches Urteilen und daher auch nicht die vermeintliche Kluft.“

Warum nicht? Foot sagt, es gebe den Unterschied nicht, den die Subjektivisten meinen. Der Unterschied zwischen einer Tatsachenbehauptung und einer moralischen Aussage besteht in etwas anderem: Es gehöre zur moralischen Aussage im Gegensatz zu einer natürlichen Tatsachenfeststellung, dass sie zum Handeln auffordere. „Es gehört zum Begriff der Moral, daß der Gedanke, etwas sollte getan werden, einen Bezug zur Handlung hat, den wir nicht finden bei Gedanken wie ‚Die Erde ist rund’, ‚Erdbeeren sind süß’.“

Moralische Aussagen gehören zur praktischen Vernunft, gehören mithin zur sozialen Realität. Moralische Regeln sind soziale Tatsachen im Gegensatz zu natürlichen Tatsachen. Sie können nicht formuliert und gedeutet werden, ohne den Bezug zum Sozialen. Dabei sind nach Foot die verschiedenen Sozietäten zu unterscheiden. Essentiell für das Zusammenleben ist für Vögel beispielsweise die Fähigkeit, Nester bauen zu können, für Wölfe die Fähigkeit zu jagen. Solche notwendigen Tatsachen sind im menschlichen Zusammenleben die Institution des Versprechens oder die Fairnessregel, die Wahrheit zu sagen oder zu helfen. Ohne diese wäre menschliches Zusammenleben nicht möglich. „Wir alle wissen genug, um sagen zu können: ‚Wie könnten wir ohne Gerechtigkeit klarkommen?’, ‚Wo kämen wir hin, wenn niemand einem anderen helfen würde?’ Wer darüber nachdenkt, wird einsehen, daß Menschen darauf angewiesen sind, daß Moral vermittelt und befolgt wird. Wir können ohne die Moral nicht auskommen.“ Das menschliche Zusammenleben ist auf Moral und die Einhaltung moralischer Regeln genauso angewiesen, wie die Fauna auf die Fähigkeit, Nester zu bauen oder jagen zu können.

Wir können uns die moralischen Regeln, nach denen wir handeln, also nicht aussuchen oder Präferenzen setzen. Wir sind durch die im „common sense“ enthaltenen Regeln manchmal zu Handlungen verpflichtet, die nicht in unserem Eigeninteresse liegen, ja, die zuweilen unserem Eigeninteresse zuwiderlaufen und zu deren Einhaltung wir uns bei freier Wahlmöglichkeit nicht umstandslos verpflichten würden.

Moralische Regeln haben die Funktion die sozialen Interaktionen möglich zu machen. Auf deren Einhaltung muss man sich verlassen können; man muss sich darauf verlassen können, dass Versprechen gehalten werden, dass dem Nachbarn geholfen wird, dass man die Wahrheit sagt. Man ist aus den genannten Gründen dazu auch dann verpflichtet, wenn dem unsere Gefühle oder Wünsche entgegenstehen. Damit hat Philippa Foot die Subjektivisten widerlegt. Es gibt objektive moralische Regeln, ist ihr Fazit.

Dennoch, so wird ihr entgegen gehalten, kann man häufig genug beobachten, dass gegen diese Regeln verstoßen wird. Darauf erwidert sie: „Diese trittbrettfahrenden Individuen einer Spezies, deren Mitglieder zusammenarbeiten, sind ebenso defekt wie diejenigen, die ein schadhaftes Gehör, Seh- oder Bewegungsvermögen haben.“ Die Gründe, moralische Regeln nicht zu befolgen, können vielerlei sein, wie Unwissenheit, Willensschwäche oder Gewissen- oder Schamlosigkeit. Jemand kann gegen moralische Regeln genauso verstoßen wie gegen mathematische, wenn er sagt, dass zwei mal zwei fünf sei. Es ist also möglich, gegen beide Arten objektiver Regeln zu verstoßen.

Die Klarheit der Argumentation ist Foots Stärke, die es ermöglicht, sich mit ihr auseinander zu setzen. Das wiederum ist ein Kennzeichen ihrer wissenschaftlichen Redlichkeit. Man wünscht dem Buch weite Verbreitung, so dass Foots Anliegen, sich in die Debatte im deutschsprachigen Raum einzumischen, auf Resonanz stößt.

---

Sorry für den langen Text, aber das fand ich hochinteressant.
Ich bin zwar nicht Frau Foots Meinung, würde aber trotzdem gerne wissen, was ihr davon haltet, oder ob vieleicht sogar eine(r) ihr Buch gelesen hat!?

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gruß,
Alldaris


... und wenn am Ende alle Stricke reissen, dann häng ich mich auf!

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1-mal bearbeitet. Zuletzt am 02.03.06 04:09.
Hi Alldaris,

ich habe das Buch nicht gelesen und auch noch nie ewas von Phillipa Foot gehört; insofern kann ich nur Deinen obigen Beitrag kommentieren.

Ich halte mich nicht für einen Subjektivisten, wenn auch möglicherweise nur deshalb nicht, weil ich mir bislang nich die Mühe gemacht habe, meine eigene Position zu katalogisieren.

Ich will auch nicht unbedingt behaupten, dass der Subjektivismus nicht auf einem Fehler beruht; aber es will mir scheinen, dass jedenfalls (auch) die Position von Frau Foot auf einem Fehler beruht.

Moralische Aussagen sind nicht in dem gleichen Maße objektiv wie Tatsachenbehauptungen - oder sagen wir besser: wie einige Tatsachenbehauptungen.

Denn mir scheint, dass Frau Foots (ich werde sie im Folgenden kurz Ph. F. nennen) ungerechtfertigte Gleichsetzerei nicht erst die Unterschiede zwischen Moralaussage und Faktenaussage übersieht.

"Die Erde ist rund", "Erdbeeren sind süß"; das sind zwei von ihr selber gewähle Beispiele.

Aber ist die Erde rund? Nicht ganz; soweit ich weiß, lautet die korrekte Bezeichnung "Rotationsellipsoid". Das mag einem rund erscheinen, wenn man es nicht genau nimmt; nimmt man es aber genau, erscheint es einem nicht mehr rund.

Also: ist die Erde nun rund, oder nicht? Es kommt drauf an.

Und: sind Erdbeeren süß? Nicht ganz.

Bestenfalls könnte man sagen, sie enthalten Zucker; aber sind sie dann schon und immer süß?

Nur unter der Voraussetzung, dass derjenige, der sie ißt, innerhalb seines Verdauungsweges (als der Strecke, die die Nahrung innerhalb des körpers zurücklegt, ggf. erweitert um die außerhalb mit ihr in Berührung kommenden Sinnesorgane (es wäre ja denkbar, dass anderen als mir es so vorkommt, als röchen Erdbeeren süß oder fühlten sich süß an; manche "Früchtchen" sollen ja sogar süß aussehen [kleiner Chauvi-Gag])) Zuckerrezeptoren hat UND diese Rezeptoren an das maßgebliche Informationsvermittlungsorgan Reize abgeben, die dort als "süß" interpretiert werden.

Es ist aber auch denkbar, dass es Lebensformen gibt, für die Zucker eine tödliche Bedrohung darstellt (und ich rede hier nicht von Diabetikern); diese dürften den Geschmack von zucker vermutlich ungenießbar finden.

Also: SIND Erdbeeren nun süß, oder nicht? Es kommt drauf an.

Ob man Subjektivist ist oder nicht scheint also Einstellungssache zu sein. Je nachdem, worauf es einem ankommt.

Ph. F. sagt, Hilfe zu leisten sei ein aktives Gebot. Schließt das auch Sterbehilfe ein?

Gestern kam im auf ARTE mal wieder "Manche mögens heiß". Da gibt es eine Szene, wo Jack Lemmon sagt: "Ich bin ein Mann, ich bin ein Mann. ich wünschte, ich wäre tot." Verhält sich Toni Curtis nun unmoralisch, weil er ihn daraufhin nicht erschlägt, oder verhielte er sich unmoralisch, wenn er es täte?

Offenbar hängt das davon ab, wie man Hilfe definiert.

Ich vermute, es gibt einen Zusammenhang zwischen Objektivisten und Kommunitaristen. Wer bereit ist, für andere zu definieren, was ihnen hilft oder nicht, der ist auch bereit, eine objektive Verpflichtung anzuerkennen, den anderen - gegen seinen Willen - dieser selbstempfundenen Ordnung zu unterwerfen.

Ich will nicht sagen, dass das typisch amerikanisch ist; aber es ist zumindest etwas, was mich an Star Trek so wahnsinnig stört, obwohl ich diese Serie(n) liebe: Captain Kirk dringt mit seinem Raumschiff einfach in fremdes Gebiet ein, und wenn ihn die rechtmäßigen Inhaber der Territorialgewalt am Durchfliegen ihres Staatsgebietes hindern wollen, schießt er sich eben durch, weil ihm ja bitteres Unrecht angetan wird: "We 've come in peace, shoot to kill ..."

Objektivistisch betrachtet hat es wahrscheinlich durchaus seine moralische Richtigkeit, dass südamerikanische Bauern beim Kultivieren von Kaffeee verhungern, statt sich mit dem Kultivieren von Kokain eine goldene Nase zu verdienen; dass Indien A-Bomben haben darf, Iran aber nicht; dass man 125.000 Iraker umbringt, den einen, wegen dem man den Krieg angefangen hat, aber nicht.

Objektivistisch gesehen scheint mir der Einzelne nicht allzuviel zu bedeuten, jedenfalls nicht gemessen am Wohle aller. Womit wir bei JFK wären:

"Frage nicht, was Dein Land für dich tun kann, frage, was Du für Dein Land tun kannst."

Aber warum?

"Denn Du bist Nichts, Dein Volk ist alles!" (A. H.)

Der US-Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen hat in seiner Schlussrede das Statement formuliert:

"Wenn uns das Dritte Reich eines gelehrt hat, dann das: Dass man das Volk niemals über den Einzelnen stellen darf."

Von dieser unangenehmen Erkenntnis versuchen die Mächtigen der Welt sein sechzig Jahren wieder runterzukommen.

Moralisch richtig finden sie es, wenn "der Einzelne" auf Befehl zu Waffe greift und dort tötet, wo es ihm gesagt wird; moralisch falsch ist es, wenn er zur Bombe greift, um Krieg zu verhindern, wie es Georg Elser tat.

Villeicht reduziert sich der Unterschied zwischen Subjektivisten und Objektivisten auf die Frage, ob man dem Staat trauen kann oder nicht - oder auf die Frage, wer der größere Narr ist: der Narr, oder der, der einem Narren folgt.

Grüsse

Grägar
Re: Phillipa Foot - Die Natur des Guten
04. March 2006 02:26
Ach Du grüne Neune....
Ich glaub ich muss hier mal was klarstellen:
Als erstes (und am Wichtigsten) die Quelle des Textes:
http://www.buecher.de/verteiler.asp?site=artikel_sz.asp&wea=1100485&artikelnummer=000001416591

Ich hoffe damit wird klar, das [b]ich[/b] diesen Text [b]nicht[/b] verbrochen habe!

Zweitens ist es schön zu sehen, das auch andere Menschen "aus der Haut" fahren können. Ich persönlich liebe es geradezu solche Regungen an meinen ach so rationalen Mitmenschen zu beobachten. Immer raus damit bueze. Tut gut, oder?

Drittens:

nwabueze schrieb:
-------------------------------------------------------

> Ich finde, daß jemand, der sich auf ein Thema
> einläßt, nachdem ihm zuvor versichert worden ist,
> daß die Konsequenzen davon für ihn keinesfalls mit
> Leid verbunden sein werden ("keine Angst,
> garantiert leidfrei"), nicht unbedingt zum
> Philosophen prädisponiert ist. Ein gewisser hier
> in letzter Zeit öfters erwähnter Prof. Nietzsche
> hat sich, was eigenes Leid betrifft, niemals etwas
> erspart, was er sich sehr wohl hätte ersparen
> können, und gerade dieser Umstand hängt kausal mit
> der ungewöhnlichen Qualität seiner Erlebnisse und
> Erkenntnisse zusammen. Wenn also Frau Foot vorab
> Leidfreiheit verheißt, sehe ich das als
> Minuspunkt, obwohl ich keineswegs Masochist bin.
> Anders gesagt: Wer entschlossen ist, nicht "mit
> den Menschen zu leiden", hält beim Thema Ethik
> besser den Mund und befaßt sich statt dessen mit
> etwas ebenfalls Interessantem und garantiert
> Leidfreiem wie z.B. Sprachlogik.

Man muss selbst gelitten haben (und leiden), um Nietzsche überhaupt zu verstehen, noch den nötigen Willen aufzubringen ihn zu verteidigen.
Also bitte, erspar mir die Schulmeisterei.


> Was du hier präsentiert hast, reizt mich nicht zur
> Lektüre des Bändchens. Dein zu radikaler
> Subjektivismus hatte mich veranlaßt, die objektive
> Ethik zu verteidigen, aber nach Kenntnisnahme der
> Foot-Ideen neige ich wieder mehr zur
> subjektivistischen Sicht. Wenn das eine
> raffinierte Absicht deinerseits war, durch
> Präsentation einer schwachen Argumentation der
> Gegenseite indirekt für deinen Standpunkt zu
> werben, ist's gelungen.

Verdammt, ich wurde entlarvt =)



> Soll der Vergleich mit Vogel und Wolf suggerieren,
> daß der Mensch ein Ethik-Gen hat? Falls nein, was
> dann?

Ich habe das Buch ja auch nicht gelesen, es klingt aber so.
Hier versucht jemand offensichtlich, die objektive Ethik auf eine naturalistische Basis zu stellen???


> Meint sie also, wenn die Politiker nicht alle
> Wahlkampfversprechen einhalten, daß das
> unweigerlich zum Zusammenbruch des politischen
> Systems führt?

Ja, ich glaube schon.
So auch in der Vergangenheit geschehen (z.B bei den Franzosen).
Dennoch gibt es politische Systeme, die auf Lügen basieren und gerade [b]deshalb[/b] so gut funktionieren!

>> Es gibt objektive
>> moralische Regeln, ist ihr Fazit.

> Der gute alte I.K. mit seinem K.I. Nichts Neues
> unter der Sonne.

Nana, der hat seinen Kategorischen Imperativ ja aber wohl anders begründet!


> Eine gute Idee für die nächste Plakataktion des
> Nahverkehrsverbunds gegen Schwarzfahrer.
> "Schwarzfahrer sind defekte Trittbrettfahrer mit
> schadhaftem Ethikgen. Mit 60 Euro Geldbuße leisten
> wir unseren Beitrag zur Reparatur Ihres Defekts.
> So sozial sind wir. Wir lassen Sie nicht mit Ihrem
> Defekt allein."

HAHAHAHAAAAA.. Volltreffer! Das war auch die Stelle an der ich am meisten über Frau Foots Argumentation lachen musste.
Meine subjektivistische Ader ist also auf einen Defekt zurückzuführen.
Also ich persönlich glaube ja, es ist genau umgekehrt.
Aber halt: Ihr braucht mich nicht [i]heilen[/i]!!
Ich glaube nämlich weiterhin, dass ich nicht ohne Grund am Subjektivismus "leide". ("Ihhhh, guck mal Papi, der Mann da hat Subjektivismus!")
Man man man... Wenn mich einer fragen würde, was ich am Objektivismus für am verabscheuenswürdigsten halte, ich würde ihm [b]das hier[/b] zeigen!

Ausserdem:

[i]"Wir können uns die moralischen Regeln, nach denen wir handeln, also nicht aussuchen oder Präferenzen setzen. Wir sind durch die im „common sense“ enthaltenen Regeln manchmal zu Handlungen verpflichtet, die nicht in unserem Eigeninteresse liegen, ja, die zuweilen unserem Eigeninteresse zuwiderlaufen und zu deren Einhaltung wir uns bei freier Wahlmöglichkeit nicht umstandslos verpflichten würden. "[/i]

Frau Foot vergisst hier offensichtlich, dass ihre Bemühungen um eine objektive Ethik aus einem Eigeninteresse herrühren, nämlich der Motivation, in einer Welt leben zu wollen, in der der Subjektivismus keine, oder eine untergeordnete Rolle spielt. Das ist der nächste Irrtum der Objektivisten, nämlich die Annahme, es gäbe ein rein Eigeninteressenloses Denken und Handeln. Auf dieser Prämisse bauen sie ihre Ethik auf, ohne sich zu fragen, was sie eigentlich dazu treibt, und warum denn andere diesen Drang [b]n i c h t [/b] verspüren (aber halt, ich vergaß: Die sind dann einfach defekt!)

Und:

[i]"Die Gründe, moralische Regeln nicht zu befolgen, können vielerlei sein, wie Unwissenheit, Willensschwäche oder Gewissen- oder Schamlosigkeit. Jemand kann gegen moralische Regeln genauso verstoßen wie gegen mathematische, wenn er sagt, dass zwei mal zwei fünf sei. Es ist also möglich, gegen beide Arten objektiver Regeln zu verstoßen..."[/i]

Falsch. Es ist geradezu die härteste und kraftzehrenste, leidvollste (siehe oben) Erfahrung gegen den "common sense" zu verstossen. Gerade und besonders [b]wenn[/b] es von Nöten ist. Denn darin liegt genau das Problem, dass viele Menschen - genau wie Frau Foot - die moralischen Gesetze unserer Zeit für unwandelbare Naturgesetze oder Gewissheiten im Stile einer mathematischen "Wahrheit" halten, und diese auch so behandeln. Das hat man Kant schon vorgeworfen (und das mit Recht), es ist bei Weitem nicht klar, was zu tun ist, wenn z.B moralische Grundsätze miteinander in Konflikt stehen. WIe soll ich denn handeln, wenn ich, um eines Menschen Leben zu retten, dafür andere Menschen bestehlen oder betrügen müsste? Was sagt der "common sense" dazu?
Oder noch schlimmer: Wie verhalte ich mich, wenn die einzige Möglichkeit, die Mitmenschen meiner Gemeinschaft zu retten, darin besteht, andere Menschen mit Waffengewalt davon abzuhalten ihnen Leid zuzufügen?
Wie weit komme ich hier mit der objektiven Ethik nach Formel-Schema?

> Ist das deine Ansicht oder der Klappentext des
> Buchs?

Meine Ansicht? Jetzt bin ich beleidigt.


> Ist gute Werbung für den Subjektivismus. Ich
> bleibe dennoch bei meinem gemäßigten
> Objektivismus.

Naja, es war tatsächlich nichts weiter dahinter, als der Versuch hier nicht ganz so einseitig belastet rüber zu kommen (ich hab gewissermaßen versucht, mir objektive Gedanken über objektives Denken zu machen - grins). Wer weiss, das Buch ist um einiges umfangreicher, und möglicherweise enthält es doch das eine oder andere brauchbare Argument?


Interessant war doch aber Gregors Einwand, der da - wenn ich es richtig verstanden habe - Frau Foot vorwirft den Fehler zu begehen, den Subjektivisten zu unterstellen, sie wüssten nichts von der Natur von Tatsachen, und dabei vergisst, dass man durchaus am Begriff "Tatsache" (im Sinne einer objektiven Realität) selber zweifeln kann.

Diskusionswürdige Antworten, das war es, was ich mir hier erhofft hatte.
Aber ein feuerspeiender bueze war auch allemal die Mühe wert.... =)

Aber jetzt reichts, ich geh jetzt erstmal meine Defekte pflegen.


---
gruß,
Alldaris


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21-mal bearbeitet. Zuletzt am 04.03.06 07:34.
Re: Foot
04. March 2006 18:53
nwabueze schrieb:
-------------------------------------------------------

> Du hast dich aber mutwillig dem Verdacht
> ausgesetzt, den möglicherweise die Mehrzahl der
> Leser dann auch gehegt hat. Du hast dich trotz
> bereits beendetem Karneval als Troll verkleidet.

Mutwillig?
Ich geb ja zu, die Quelle nicht anzugeben gehört sich nicht. Verzeihung...


> Wer sich über Leute aufregt, die auf niedrigem
> Niveau argumentieren und/oder evidente Fakten und
> zwingende Argumente geflissentlich übersehen, der
> unterstellt diesen, daß sie verpflichtet seien,
> klüger und unbefangener zu sein als sie sind, und
> daß sie aus purer Böswilligkeit oder Schlamperei
> diese Pflicht nicht erfüllen. Diese Unterstellung
> ist menschlich, aber dumm. Solche Dummheit auch an
> der eigenen Person zu beobachten, ist
> unerfreulich, aber hilfreich.
>

Solange man nicht vergisst, die zahlreichen Dummheiten der Menschen am Ende vieleicht auch mit der nötigen Portion Humor zu betrachten, ist doch alles im grünen Bereich.

> Den ersten Satz fand ich etwas rätselhaft, habe
> ihn dann aber philologisch geheilt durch Einfügung
> eines "weder" vor "selbst gelitten haben". Man
> könnte aber statt dessen auch statt "noch" ein
> "und" einsetzen, mit diesem ebenfalls kleinen
> Eingriff gibt's auch einen Sinn, aber einen
> anderen. Ob da ein Freud'scher Verschreiber
> passiert ist?

Hoppla, jetzt sehe ich das auch.
Kein Freud'scher.. Ein ganz normaler Fehler aber. Ich editier manchmal noch nachträglich an den Sätzen rum, schreibe sie um, oder lösche ganze Passagen und füge neue ein. Da kann es dann schonmal vorkommen, dass ein Wort stehen bleibt, was da nicht (mehr) hingehört. War schon spät gestern. Da lässt die Konzentration etwas nach =)

> Nee, so was Unfaires will ich nicht
> unterstellen. Nach reiflicher Überlegung habe ich
> mich für die erste Lösung entschieden.

Was ich sagen wollte war: Ich mag Nietzsche genau deswegen so sehr, weil ich mich mit seinem "Leidensweg" identifiziere. Ich glaube zu wissen, was er meint, wenn er davon spricht, dass jemand der sich in seine philosophischen Gefilde wagt wetterfest sein muss. Dort, wo er sich aufhält ist man sehr einsam. Nietzsches Philosophie ist eine sehr persönliche Philosophie, er erhebt eben gerade n i c h t den Anspruch objektiv zu sein. Deswegen meinte ich, man muss eine gewisse Form des Leides kennen und ertragen können, um überhaupt zu verstehen, wovon er schreibt.


>
> Also, wenn ein Mensch in seinem bisherigen Leben
> sehr wenig und nur ganz harmlos gelitten hat
> (vorausgesetzt, daß es das gibt), könnte er sich
> ja darüber wundern, warum seine Mitmenschen wegen
> dieses Themas so ein Aufhebens machen und über so
> eine Nebensächlichkeit so viele philosophische
> Seiten vollschreiben. Ich wollte nicht
> unterstellen, daß man unter allen Umständen
> gelitten haben muß, doch fiel mir auf, daß gleich
> am Anfang eine Aussage gemacht wurde, deren
> gedankliche Struktur auf die Konsequenz
> hinausliefe "Man kann Experte für Leid sein, ohne
> sich jemals auf selbiges eingelassen zu haben".

Das ist natürlich Blödsinn... siehe oben.

> Womit du es dir aber leicht machst. Der
> Marxismuskritiker setzt sich gern mit
> Vulgärmarxismus auseinander, der
> Christentumskritiker mit Billy Graham.

Also schön, also schön.... Du hast ja recht.
Ein "Sorry" für diese unwürdige Vorlage.

> Es sind völlig entgegengesetzte Standpunkte und
> Handlungen gut begründbar, wie immer wenn's um die
> Paradoxe der Gewaltanwendung geht.

AHA!
Was diesmal Du mutwillig verschweigst, ist die Tatsache, das derjenige, der sich mit solchen Paradoxien auseinander zu setzen hat, mit einmal schlagartig in seine eigene Subjektivität zurückgeworfen und mit ihr alleingelassen wird, weil der Objektivismus hier keine brauchbaren Antworten mehr liefert.

> Diskussion über Foot?

Ach, lassen wir das =)



Ich liefere Dir hier eine andere Vorlage (diesmal im Original von mir).
Es geht um Motivationen und hat die hier aufgeworfene Frage nach "eigeninteressenlosem Handeln" zum Inhalt. Anschliessend könnt ihr mich dann argumentativ auseinanderreissen (womit ich mich selbst dem Leid preisgebe, Du verstehst?).


[b]Motivationen.[/b] Über diese soll man sich nicht täuschen. Es ist mehr als unsinnig anzunehmen, der Mensch als Individuum handle einzig aus altruistischen Motiven. Eine Motivation (im Individuum geboren – und wo auch sonst?) allein ist niemals uneigennützig. Die Motivation, als Reaktion auf die das Individuum umgebende Umwelt, oder in Form eines Eigenantriebes (dem Trieb), ist dem Individuum am nächsten, sie basiert auf dessen persönlicher Erfahrung, Geschichte, auf persönlichen Lebensumständen. Lediglich die aus ihr erwachsene Handlung kann, über das handelnde Individuum hinaus, anderen Menschen von Nutzen sein. Der Philanthrop ist demnach ein Mensch, der in sich den Trieb, die Neigung verspürt, seine Handlungen zum Wohle der Gemeinschaft zu gestalten, dies ist seine Motivation, er erlangt Erfüllung durch die Umsetzung seiner altruistischen Natur. Alsbald jedoch beginnt er dann – allenfalls aus einem Ehrgefühl heraus – die Wirkung seines Handelns mit seinen Motivationen gleichzusetzen, zu verwechseln. Diese Selbsttäuschung verleitet ihn dazu, hinter seinem Triebe mehr zu vermuten, er erklärt diesen Quell seines Wohlbefindens zu einem allumfassenden Prinzip. Er reagiert dabei nicht anders als dies alle Menschen tun, er folgt einem Triebe - irgendeinem Triebe - der in ihm nach Erfüllung verlangt, und rechtfertigt diesen nach dem Vernunftprinzip. Die Rechtfertigung sei in diesem Falle der gemeinschaftliche Nutzen der altruistischen Handlung.

In einem anderen Falle verspürt der Mensch gar keine altruistischen Neigungen, nichts desto trotz handelt er oberflächlich betrachtet uneigennützig. Gründe hierfür können der Wunsch nach Anerkennung innerhalb der bevorzugten Gemeinschaft sein, die Neigung – der Trieb – zum Gehorsam oder ein gewisser Grad an Unterwürfigkeit, also die Angst vor den Folgen eines nur egoistischen Handelns.

In beiden Fällen folgt der Mensch seinen Neigungen, und in einem dritten Falle, dem Egoisten, ist es hiermit nicht anders. Und selbst in diesem letzten Falle kann, wenn auch nicht ausdrücklich vom handelnden Individuum so gewollt, die Handlung im Sinne der Gemeinschaft sein, wenn man die Betrachtungsweise zeitlich und räumlich ausdehnt. Da also in allen drei Fällen der Mensch seinen Neigung folgt, bleibt hier die Frage, wie man es zu rechtfertigen gedenkt einen Fall vorzuziehen, wenn man den Rechtfertigungsgrund im Sinne der Vernunft an der Motivation festmachen will.
Lassen wir das.
Aber selbst dann, wenn man die Rechtfertigung an der Wirkung des Handelns festmacht, bleibt es ungeklärt, warum nicht auch die egoistischen Handlungen ihre Berechtigung haben sollen, und wenn man sie auch nur als schlechtes Beispiel nimmt. Auch das schlechte Beispiel mag – und die Geschichte liefert reichliche Beispiele für diese Annahme - von Nutzen sein. Dem Menschen mit altruistischen Neigungen wird aber in unserer Gesellschaft mit offenen Armen begegnet, er wird gelobt und zum idealen Menschen erklärt, seine Triebe gelten als ehrenhaft. Dem Gegensatzmenschen jedoch, der genauso wenig seine Triebe und Neigungen zu verschulden hat wie sein altruistisches Gegenstück, offeriert man, er möge sich doch zügeln und aufhören der zu sein, der er ist, oder noch mehr: Er soll gar vergessen wer er war.

Mit einem Humanismus im Sinne der Aufklärung aber hat diese Vorgehensweise, wenn man es so betrachtet, jedoch bei weitem nichts zu tun.



Mal ne ganz persönliche Frage (musst ja nicht antworten):
Wie kommt es eigentlich, das Du Dich so sehr für die Philosophie interessierst?
Dein Wissen scheint ja recht fundiert zu sein. Ist das ein rein privates Interesse, oder wie kommts?

---
gruß,
Alldaris


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8-mal bearbeitet. Zuletzt am 04.03.06 22:46.
Re: Phillipa Foot - Die Natur des Guten
05. March 2006 01:21
> > Es sind völlig entgegengesetzte Standpunkte
> und
> > Handlungen gut begründbar, wie immer wenn's
> um die
> > Paradoxe der Gewaltanwendung geht.
>
> AHA!
> Was diesmal Du mutwillig verschweigst, ist die
> Tatsache, das derjenige, der sich mit solchen
> Paradoxien auseinander zu setzen hat, mit einmal
> schlagartig in seine eigene Subjektivität
> zurückgeworfen und mit ihr alleingelassen wird,
> weil der Objektivismus hier keine brauchbaren
> Antworten mehr liefert.

Das kann der Objektivismus offensichtlich nicht, weil die Objektivisten hier (Gewaltfrage) und auch in anderen Fragen in unversöhnliche gegnerische Lager mit jeweiligem Objektivitätsanspruch zerfallen. Das heißt aber nicht, daß notwendigerweise "der Objektivismus" gescheitert ist oder keine Antworten liefern kann; auch ein Streit unter Naturwissenschaftlern berechtigt ja nicht zur Folgerung, daß "die Naturwissenschaft" auf die betreffende Frage keine Antwort hat, sondern besagt erst mal nur, daß der Punkt vorerst offen bleibt. Wenn objektivistische Modelle untereinander inkompatibel sind, beweist das nicht, daß Objektivismus scheitern muß, sondern nur einzelne Objektivisten sind mit ihren speziellen Theorien mehr oder weniger in Schwierigkeiten, was im Detail zu betrachten wäre.

Scheitern muß, wie ich schon früher ausführte, der radikale ethische Subjektivismus, weil jede Ethik per Definition allgemeine Aussagen über das Verhalten von mindestens einem Individuum machen muß, insoweit es für mindestens ein weiteres Individuum wesentliche Auswirkungen hat, also dessen Interessen einbezieht. Damit wird ein impliziter Objektivitätsanspruch erhoben, ob das dem Subjekt paßt oder nicht. Scheitern muß auch der radikale Objektivismus im Sinne deines Foot-Textes, und sein Scheitern ist weit spektakulärer, weil er mit weitreichenden Ansprüchen daherkommt, denen keine Beweisgrundlage entspricht.

Darum plädiere ich für einen gemäßigten Objektivismus. Dieser konzediert dem Subjektivismus ohne weiteres, daß die Wurzel der Ethik strikt subjektiv ist und das Subjekt seine Ethik auf nichts anderes gründet als seine subjektive und nicht beweisfähige Einsicht. Die Objektivität, d.h. ein objektiver Aspekt tritt aber sekundär hinzu, indem sich beim Vergleich der Subjektivitäten herausstellt, daß es Übereinstimmungen und Verallgemeinerbares gibt. Diese sekundäre Objektivität, die zur primären Subjektivität hinzutritt, kann und soll die subjektive Wurzel keinesfalls ersetzen oder eine Beweislast tragen. Das ist nicht ihre Aufgabe. Sie ist einfach eine Einsicht des Subjekts, das sich über die objektiven Aspekte seines ethischen Tuns und Lassens Rechenschaft ablegt und deren Ausmaß und Grenzen erkunden will. Je folgenreicher dieses Tun und Lassen ist und je mehr Personen betroffen sind, desto markanter und unabweisbarer tritt der objektive Aspekt in den Vordergrund. Davor sollten die Subjektivisten nicht die Augen verschließen, sondern sich damit zufriedengeben, daß die Subjektivität der Wurzel unangetastet bleibt.

Dasselbe gilt analog für die hier so populäre Gottesdiskussion. Du erinnerst dich an mein Plädoyer für den nicht allmächtigen Gott. Der Gott, der dem Menschen mit Allmachtsanspruch gegenübertritt, erhebt den radikalsten denkbaren Objektivitätsanspruch, und scheitert damit analog zum ethischen Objektivisten an der fehlenden Beweisgrundlage. Also kommt auch hier nur eine strikt subjektive und empirische Wurzel in Frage, verbunden mit Verzicht auf jeden Beweisanspruch im Sinne eines diskursiven Vorgehens. Die pure Subjektivität dieser Wurzel schließt aber nicht aus, daß sich Subjekte über ihre subjektiven Erfahrungen auf diesem Gebiet austauschen, um herauszufinden, ob diese inkommensurabel sind oder ob Übereinstimmungen bestehen, aus denen sich eine sekundäre Objektivität ergibt. Daß letztere keine Beweislast tragen kann und soll, ist von dieser Basis her klar. Der Subjektivist braucht also nicht zu befürchten, daß ihm ein bestimmtes religiöses Weltbild oktroyiert werden soll.

Eine gewisse Analogie besteht hier auch zur Kunst. Natürlich ist die Qualität eines Kunstwerks eine strikt subjektive Größe und beweisen läßt sich nichts, nicht einmal die Definition von Kunst ist unstrittig. Jede ehrliche Auseinandersetzung mit Kunst erwächst also auf strikt subjektiver Grundlage. Dennoch stellen sehr viele Subjekte fest, daß ihre subjektiven Urteile über Kunstwerke übereinstimmen, obwohl sie nicht (was ja oft geschieht) durch Imitation fremder Standpunkte, sondern autonom und unabhängig zustande gekommen sind. Auch hier also eine sekundäre Objektivität. Man kann natürlich nicht einem hartnäckig Leugnenden beweisen, daß ein jahrtausendelang kollektiv für bedeutend gehaltenes Kunstwerk tatsächlich bedeutend ist, wenn der Leugnende es auf der Basis seiner Subjektivität für absolut wertlos erklärt. Und doch belehrt uns der common sense, daß eine strikte Leugnung jeder Objektivität auch auf diesem Gebiet formallogisch zwar sauber ist, aber der kollektiven Erfahrung der Menschheit nicht gerecht wird. Wer das zugibt, ist damit noch lange nicht in Gefahr, sich der Diktatur von Kunstpäpsten zu unterwerfen.

Auf deine restlichen Thesen bzw. Fragen gehe ich später ein.
Re: Foot
07. March 2006 17:41
> Mal ne ganz persönliche Frage (musst ja nicht
> antworten):
> Wie kommt es eigentlich, das Du Dich so sehr für
> die Philosophie interessierst?
> Dein Wissen scheint ja recht fundiert zu sein. Ist
> das ein rein privates Interesse, oder wie kommts?

Ja, rein privat, und das ist sehr gut so. Bin überzeugter Amateur und habe das kein einziges Semester studiert. Hauptberufliche Philosophen dürften im Chaostheorie-Forum wohl selten sein.

Deine Frage "Wie kommt es eigentlich?" bringt mich etwas in Verlegenheit, weil ich die Alternative (nämlich mich nicht dafür zu interessieren) nie ernstlich erwogen habe. Aus meiner subjektiven Sicht ist dieses Interesse selbstverständlich; begründungsbedürftig wäre das Gegenteil. Da du nun aber nach einer Begründung fragst, versuche ich's so:

Jeder Mensch setzt Prioritäten hinsichtlich seines Tuns und Lassens, nicht nur auf ethischem Gebiet (dort am offensichtlichsten), sondern in jeder Hinsicht: indem er etwa beschliesst, sich mit Religion, Metaphysik, Politik, Literatur, Kunst, Naturwissenschaft usw. zu befassen oder auch nicht, und falls ja, setzt er wiederum Prioritäten hinsichtlich der Zeit und Mühe, die er auf die einzelnen Gebiete und seine dortigen Ziele verwenden will. Ueberhaupt beruhen alle Entscheidungen für bzw. gegen bestimmte Interessen, Ziele und Tätigkeiten auf wertenden Urteilen. So ein wertendes Urteil muss oft (als Vor-Urteil) gefällt werden, bevor man sich auf dem betreffenden Gebiet echte Kompetenz angeeignet hat, denn es geht ja zunächst um die Frage, ob die Erwerbung solcher Kompetenz voraussichtlich den beträchtlichen Aufwand lohnt oder nicht. Ist es z.B. sinnvoll, eine Sprache zu lernen, um den Werken wichtiger Autoren das entnehmen zu können, was keine Uebersetzung bieten kann? Wissen kann man das erst, nachdem man es unternommen hat, entscheiden muss man es aber vorher. Die Entscheidung fällt also auf der Basis eines Vorurteils.

Alle diese Entscheidungen kann man bewusst oder unbewusst fällen, d.h. entweder indem man sich und der Welt über die Gründe Rechenschaft ablegt, oder indem man sich der Steuerung durch unbekannte Kräfte hingibt, die vom Unbewussten her ihre Präferenzen durchsetzen (und dabei untereinander in Konflikt geraten). Ich sage nicht, dass letztere Haltung schlecht sei; es ist eine mögliche Daseinsform unter anderen, nämlich die nichtphilosophische. Sich über die Gründe des eigenen Tuns und Lassens, der unablässigen Prioritätensetzungen Rechenschaft ablegen, das ist Philosophie. Wobei ich hier unter "Gründen" natürlich sowohl die rationalen Begründungen als auch die emotionalen und instinktiven Antriebe verstehe.

Die Uebergänge zwischen den beiden Polen sind natürlich fliessend. Ist Wissen der Unwissenheit, Bewusstheit der Unbewusstheit, Philosophie dem unphilosophischen Leben prinzipiell überlegen? Meine subjektive Antwort lautet ja. Damit verbindet sich - o Graus - bei mir die Ueberzeugung, auch objektiv recht zu haben, im Sinne meines gemässigten Objektivismus. Dabei nehme ich die Einwände, die Klages und Keyserling gegen einen Ueberlegenheitsanspruch des Intellektuellen erheben, sehr ernst, diese Einwände sind völlig berechtigt und müssen in vollem Umfang berücksichtigt werden. Ausserdem - knowledge is sorrow, schrieb Byron, was ihn aber nicht hinderte, im antiken Sinne des Begriffs Philosoph zu sein, zumindest in der letzten Phase seines Lebens.

Auf deine Thesen zur Motivation gehe ich noch separat ein.
kos
Re: Phillipa Foot - Die Natur des Guten
09. March 2006 18:54
Hmm, zu (1):
Wurde denn schon mal beobachtet, wie ein Löwe einem, sagen wir mal, Schimpansen (Können sich Löwen und Schimpansen überhaupt begegnen? Keine Ahnung), "das Leben retten", indem er sich selbst aufopfert? Ich glaube kaum. Bleibt der Altruismus also auf die eigene Spezies begrenzt, so kann man auch dafür einen "egoistischen" Grund finden. Nicht nur die eigenen Gene\Nachkommen sind schützenswert, sondern auch der gesamte Genpol, denn dieser ermöglicht erst die Fortpflanzung.

`tschuldigung für die Einmischung, wollte das nur kurz loswerden.
@ kos:

Es gibt verschiedene Berichte, nach denen Delphine Menschen das Leben gerettet haben, obwohl von Menschen wohl die größte Gefahr nicht nur für einzelne Delphine, sondern für die gesamte Art/Familie/Gattung ausgeht.

Grüsse

Grägar
Re: Motivation
09. March 2006 20:01
Danke für Deine Antworten.
Ich wollte hier mal erwähnen, dass mir die 'Unterhaltungen' mit Dir sehr viel Spass machen. Sie sind lehrreich und interessant zugleich, gleichzeitig fühle ich mich verstanden und habe das Gefühl, dass Du unvoreingenommen an meine Denkweisen heran gehst.
Das ist nicht selbstverständlich. Meine bisherigen Erfahrungen sind eher gegenteiliger Natur.

Zum Text:

nwabueze schrieb:
-------------------------------------------------------

> Deinen Thesen ist die Nähe zum Denken Nietzsches
> anzumerken,

Das kann und will ich nicht leugnen. Wir alle fühlen uns irgendwo zuhause, und kehren immer wieder dorthin zurück (im Übrigen betrachte ich diese Anmerkung von Dir als Kompliment!).
Noch treffender, und überaus lehrreich in Bezug auf dieses Thema, fand ich allerdings das Werk Max Stirners (Der Einzige und sein Eigentum).
Stirner übertreibt maßlos. Aber er stellt auch glänzend herraus, dass das christliche Ideal der Nächstenliebe ebenfalls maßlos übertrieben ist!

> und vor diesem Hintergrund gesehen
> gehören sie in den Zusammenhang seiner Kritik am
> Christentum, denn das Altruismus-Ideal, das da
> abgeklopft und verworfen wird, ist christlichen
> Ursprungs.

Das ist sicher richtig. Dennoch wurde aber das Ideal der Nächstenliebe von neuzeitlichen Denkern immer wieder aufgenommen und neu aufgelegt, insbsondere von meinem 'Lieblings'-Philosophen Kant.
Wie hiess es da noch gleich sinngemäß?

[i]... dass nichts vorbehaltlos als gut erkannt werden könne, als allein der gute Wille...[/i]

Nun, guter Wille wird heute oftmals gleichgesetzt mit Altruimus, der Egoismus - den ich, wie Du so treffend bemerkt hast für die Wurzel des Altruismus halte - ist gleichbedeutend mit dem Gegenteil des guten Willens.
Hier wird also die Motivation, die einen Menschen antreibt, zum Maßstab für die Güte seines Denkens und Handelns auserkoren, auf der Grundlage christlicher Werte.
Wie ist es noch möglich, den Altruismus mit einer selbstlosen Motivation zu verwechseln, wenn doch klar ist, dass beide Einstellungen letztlich auf der selben Sache beruhen - Dem Eigeninteresse?

> Ich möchte nur
> (1) eine kritische Anmerkung machen, (2) dafür
> plädieren, nicht bei der banalen Feststellung
> stehenzubleiben, dass "letztlich doch alles
> egoistisch motiviert ist", sondern die Frage zum
> Anlass zu nehmen, die ganze Denkstruktur "Egoismus
> contra Altruismus" kritisch zu beleuchten; (3) auf
> eine zusätzliche Deutungsmöglichkeit hinweisen.

Ja, bitte mach das... Merke an. Kritisiere. Ergänze.
Nur so bin ich in der Lage mein Wissen zu erweitern und mein Denken anzupassen.
Ein gar egoistisches Interesse meinerseits, das gebe ich zu. =)

>
> (1) Deine These läuft darauf hinaus, den
> Altruismus als Spielart des Egoismus zu entlarven
> und damit restlos in letzerem aufzulösen, also
> seine Existenz als eigenständiges Phänomen zu
> bestreiten.

Ich bin beeindruckt. Ehrlich. Wie überaus passend bemerkt!
Und das, obwohl mein Text sprachlich einiges an Reife zu wünschen übrig lässt.
Jemand anderes machte mich darauf aufmerksam, dass es stellenweise an der nötigen Schärfe der Begrifflichkeiten fehlt. Ich werde das korrigieren müssen.

> Da ist etwas dran, sogar ziemlich
> viel, aber wie gewöhnlich, wenn eine komplexe
> Realität in ein einfaches Schema gepresst werden
> soll, kommt man damit nicht ganz durch.

Das habe ich befürchtet =)

> Ich
> verweise in diesem Zusammenhang auf die
> Beobachtungen von Vitus Dröscher zum Altruismus in
> der Tierwelt.

Ich gebe zu, auch mir sind solche Fälle bekannt. Neulich erst gab es eine Dokumentation über altruistisches Verhalten in der Tierwelt.
Unter anderem macht die Wissenschaftler besonders stutzig, dass es ganz offensichtlich sogar altruistische Neigungen gibt, die sich über die Gattungsgrenzen hinaus darstellen.
Bsp.: Löwe pflegt und beschützt krankes Gnu (anstatt es zu fressen, was später allerdings die Artgenossen übernommen haben - alles für die Katz)!!!!!!!
Kein Witz!! Zoologen haben das über Wochen beobachtet und mit der Kamera festgehalten! Das ist natürlich nicht die Regel, aber immerhin.

Nun ist es aber so, dass man solche Verhaltensweisen beobachten und damit beweisen kann, dass sie vorkommen. Über die Motivationen die dabei wirken, also über das, worum es mir hier geht, weiss man allerdings so gut wie nichts.


>
> (2) aus buddhistischer Sicht ist festzustellen,
> dass der ganze Gegensatz zwischen Altruismus und
> Egoismus ohnehin in Wirklichkeit nicht existiert.
> Er ist ein Scheinproblem, das direkt aus der
> Illusion des separaten Ich resultiert. Wird diese
> Illusion kultiviert, so manifestiert sie sich in
> zwei extremen Spielarten, nämlich (a) dem
> radikalen Egoismus, der das Ich auf Kosten der
> Umwelt fördern will, und (b) dem radikalen
> Altruismus, der dieses Ich den Interessen der
> Umwelt opfern will. Beide gehen gleichermassen von
> der Illusion einer prinzipiellen Trennung zwischen
> Ich und Umwelt aus und verbinden das mit
> Bewertungen, indem im einen Fall das Ich hoch über
> die Umwelt erhoben wird, im anderen umgekehrt. Das
> sind also zwei Seiten von ein und derselben
> Medaille (oder besser gesagt: von ein und
> demselben Falschgeld). Dazwischen gibt es
> natürlich jede Menge unauffällige Zwischenstufen.
> Wird jedoch die Illusion des getrennten Ich
> durchschaut (was nicht auf diskursivem, sondern
> auf intuitivem Wege geschieht), so erweisen sich
> Egoismus und Altruismus als gleichermassen
> inhaltsleer, als Produkte von nicht
> wirklichkeitsgemässem Denken. Also weder Egoismus
> rechts noch Altruismus links, sondern der Weg der
> Erlösung von beidem, und der geht geradeaus.

Also habe ich das richtig verstanden? Du willst andeuten, dass das Hauptproblem der Egoismus-Altruismus- Debatte in der irrtümlichen Annahme besteht, der Mensch könne losgelöst von der Gemeinschaft existieren? Wenn das stimmt sind Begriffe wie "Individuum" und "Ich" ebenfalls Illusionen.
Das ist ein Gedanke, mit dem besonders Ich (< schon wieder dieses Wort) mich schwer anfreunden kann.

>
> (3) Betrachtet man die Frage im Licht der
> Jungschen Typenlehre, so erscheinen
> herausgestellter Egoismus und herausgestellter
> Altruismus als Kompensationsphänomene, mit denen
> das Unbewusste Unausgewogenheiten im bewussten
> Teil der psychischen Realität ausgleichen will.
> Sie erweisen sich also insofern als komplementäre
> Grössen. Das läuft darauf hinaus, dass sich nicht
> das eine im anderen auflöst, sondern es können nur
> beide zusammen aufgehoben werden, indem eine
> entsprechende Erkenntnisebene erreicht wird.

Sorry, von der Psychologie habe ich mich bisher immer wohlweislich ferngehalten. Die merkwürdige Angewohnheit meiner Mitmenschen, sich selbst ständig und gegenseitig irgendwelche psychologischen Abnormitäten anzudichten, hat mich davon abgehalten.
Könntest Du das o.g. noch einmal anders formulieren, damit ich dem folgen kann?
Ich habe nur eine recht schwammige Vorstellung davon, was damit gemeint sein könnte. Danke.





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gruß,
Alldaris


... und wenn am Ende alle Stricke reissen, dann häng ich mich auf!

Homepage: http://people.freenet.de/Sandy.dynalias.org/
Forum: http://30967-0.forum.alluwant.de/



2-mal bearbeitet. Zuletzt am 09.03.06 20:41.
Hoppla, hier bin ich nochmal:

man müßte natürlich untersuchen, vor welchen Gefahren genau die Delphine die Menschen gerettet haben.

Wenn z. B. die Menschen Gefahr liefen, von Haien gefressen zu werden, wäre es ja möglich, dass die Hauptmotivation der Delphine nicht darin lag, den Menschen zu nutzen, sondern den Haien zu schaden, indem sie ihnen das Futter wegnehmen.

Das wäre dann natürlich nicht so altruistisch.

Tja, immer diese antropozentrische Brille ... Ich muß mir doch mal ne neue verschreiben lassen.

Grüsse

Grägar