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Chaos in Literatur, Kunst, Philosophie (historisch/wissenschaftlich betrachtet)

geschrieben von Caspar Clemens Mierau 
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Hallo Ihr, ich bin vor kurzem über folgende Textpassage gestolpert.

Quelle: "Ästhetische Grundbegriffe", herausgegeben von Karlheinz Barck et al, Stuttgart/Weimar 2001 (Band 2: Stichwort "Fragment", S. 551).

Ich habe mir die Mühe gemacht, das Ganze abzutippen, weil es eine sehr gute Diskussionsgrundlage bildet und sich überdies vom allgemeinen Fragen nach Hausarbeitsthemen etwas ablöst.

Nicht abgetippt sind die Fußnoten. Wer also die Quellenangaben für die Zitate benötigt, möge sich bitte in die Bibliothek seines Vertrauens begeben :)

[quote]Der Begriff des Fraktaken, den eine frondierende Gruppe von Mathematikern zu Beginn des 20. Jh. erfand, erschien seinerzeit noch nicht als Anbruch einer Entwicklung, die heute naturwissenschaftliches, phänomenologisches und künstlerisches Denken in seinem Zeichen zusammenführt. "Historically, the revolution was forced by the discovery of mathematical structures that did not fit the patterns of Euclid and Newton. These new structures were regarded [...] as 'pathological', as a 'galery of monsters', kin to the cubist painting and atonal music that were upsetting established standards of taste in the arts at the same time. [...] Now, [...] [t]he same pathological structures that the mathematicians invented to break loose from 19th-centry naturalism [in der Mathematik - der Verf.] turn out to be inherent in familiar objects all aorund us." Mit der Sprache veränderten die Mathematiker auch das Naturmodell der Naturwissenschaften. Zu Anfang des Jahrhunderts versuchte etwa der französische Mathematiker Henri Poincaré die Bewegungsgesetze dreier gegeneinander gratvitierender Himmelskörper durchzurechnen: "Poincaré soon discovered that chaos is present in the very celestial mechanics that linear science had long trumpeted as the model of nature's simple laws."

Tatsächlich scheinen diese Gestze heute so kompliziert, daß ihnen nur die komplexen, nichtlinearen Gleichungen der Mathematik entsprechen. Diese Gleichungen, bei denen die Resultate iterativ in ihre Aufgabenstellung wiedereingespeist werden, konnte erst der Computer durchrechnen und graphisch illustrieren. Die Figuren, die dabei entstehen, entwickelte zuerst Benôit Mandelbrot: "Mandelbrot's ingenuitiy was to look at complex numbers instead of real numbers to follow the process x0 -> x1 -> x2 ... on a plane rather than on a line." Was Mandelbrot enteckte, wurde ihm die Formsprache zum posteuklidischen Verständnis der Natur: "that many patterns of Nature are so irregular and fragmented, that, compared with Euclid [...] Nature exhibits [...] an altogehter different level of complexity". Ob ihrer irregulären, sprunghaften Resultate, die die so verfolgten nichtlinearen Gleichungen produzierten, gab Mandelbrot diesen den Namen Fraktale: "I coined fractal from the Latin adjective fractus. The corresponding Latin verb frangere means 'to break': to create irregular fragments. It is therefore sensible - and how appropiate for our need! - that, in addition to 'fragmented' (as in fraction or refraction), fractus should also mean 'irregular', both meantings are preserved in fragment."

Seit etwa 1980 dient die fraktale Mathematik zur Darstellung einer Natur, die mit dem Mandelbrotschen Termini scaling shapes, self-similarity und randomness beschrieben wird. Mit scaling shapes ist gemeint, daß die Naturobjekte makro- wie mikroskopisch gesehen unendlich untergliedert sind, mit self-similarity, daß sich das Muster dieser Untergliederung in jeder Dimension (von der Totalen bis zum Detail des Details des Details usw.) ähnlich bleibt, mit randonmness die Eignung der 'Mandelbrot sets' zur computergraphischen Simulation derjenigen Übergangsprozesse, bei denen geschlossene Systeme sich ins Chaos auflösen. Die Chaostheorie macht die Erkenntnis, die an den nichtlinearen Gleichungen abzulesen war, daß nämlich die Naturprozesse unvorhersehbar und nicht kontrollierbar sind, zum heuristischen Prinzip und findet fraktale Strukturen unkalkulierbarer Abweichungen in allen Gebieten der Physik wie der Physis. Zwar haben die 'Mandelbrot sets' Strukturen, deren Muster von sogenannten strange attractors bestimmt werden, aber diese sind nicht nur befremdlich, sondern auch instabil: "Climatologists worry these days that the wheater's strange attractor (the climate) may one day change its shape as a result of the industrial perturbations caused by human beings."

Kultur- und wissenssoziologisch läßt sich der Aufstieg der Chaostheorie mit dem gegenwärtigen Stand des Unbehagens an der szientifischen Naturbeherrschung erklären. Die Erkenntnis, daß, wer Natur beobachtet, sie beeinflußt und Teil der Gleichung wird, die er von ihr aufstellt, amalgamiert sich dabei mit der Verunsicherung des modernen Projekts, daß Natur beherrscht werden solle. Bildende Künstler, die die Computergraphiken der fraktalen Mathematik aufnahmen, suchen in ihr das Grundmuster, in dem die Natur sich, heutigem Verständnis zufolge, darstellt: "Fractalist artists", so der Kurator Klaus Ottmann, "no longer concern themselves with the experience of fractalization. [...] Today's artists are excited by the recognition that fractalization [...] is art." Briggs argumentiert, daß Kunst immer schon insofern fraktal war, als sie (nach dem Prinzip des scaling und der self -similarity) Welten in die Welt hinseisetzte. Zudem läßst sich das das Gesetz der self-similarity leicht auf postmoderne und Selbstreferentialitätsmodelle der Ästhetik bringen. "Are we in a condition of infinite repetition? Infinite self-similarity?" fragt der mit graphischen Darstellungen fraktaler Strukturen arbeitende Künstler Edward Berko und fährt fort: "Just a cration of a fractal structure involves the process of iteration, so the production of artistic work involves iteration. The creative process is a system wherein the output becomes part of the input. In this way, the process of making art becomes self-similar, self-referential and an iteration itself."

Mit der prominentesten Theorie des Fragments, der der deutschen Frühromantik, berührt sich die Mandelbrotsche Idee der Fraktale nicht nur durch den Gestus des strukturbildenden Unterbrechens. Die Chaostheorie hat zu den nichtlinearen Gleichungen Analoga und Analoga dieser Analoga gesucht in einer Weise, die an den kombinatorischen Witz erinnert, der eines der Produktionszentren des frühromantischen Fragments gewesen ist. Sie lenkt den Blick auf "the self-similarity seen when we compare a human hand to a hummingbird's wing, to a shark's fin, and to a branch of a tree". Fraktale Modelle der Natur verlangen nach einem expansiven Rahmen, der jedes mit jedem zu vernetzen erlaubt: "an essential feature of life-forms is that each in its own fractal way reflects the dynamical system of nature as a whole". So aber verstanden die Frühromantiker - Ferdinand de Saussure vorwegnehmend - den differentiellen, auf das Strukturgesetz der Sprache als ganzer verweisenden Koeffizienten jeder Äußerung.

Mandelbrot hat zur ideenhistorischen Herleitung der Fraktale auf Leibniz' Monadologie (entst. 1714) verwiesen. Tatsächlich ist die (ideltypische) Symmetrie der Strukturen von self-similarity eher das Gegenteil des ästhetischen Ideals, das Schlegel als fragmentarisches Chaos beschwor. Historisch gemeinsam ist beiden Vorstellungen, daß sie durch die Erhabenheitstheorien des 17. und 18. Jh. hindurchgegangen sind. Die Wellenbewegungen des Ozeans, die Gebirgsformationen der Alpen oder das plötzliche Kalben eines Eisbergs lassen sich als fraktal strukuriert beschreiben, und Mandelbrot zitiert, um die spezifische Schönheit der beiden ersten Phänomene zu belegen, Sätze eines englischen Altphilologen aus der Zeit um 1700, die an John Dennis' Theorie des "sublime" erinnern. Auch die gerade von Mathematikern gepriesene Schönheit der Fraktale ("Perhaps the most convincing argument in favor of fractals is their sheer beauty", schreiben Heinz-Ott Pleitgen und Peter H. Richter; Mandelbrot spricht von der "plastic beauty"), die sich einem computergraphisch vertieften Zusammenspiel von Form- und Farbwirkungen verdankt, empfiehlt die Übertragung dieser Ästhetik auf die Strukturen gegenwärtiger beschleunigt-partialisierter Wahrnehmungen (etwa im Videoclip) wie auf die Künste und die Literatur. So läßt sich Mandelbrots Theorie zur Beschreibung der Strukturen nutzen, die im Werk Ezra Pounds begegnen. "History", resümiert Hugh Kenner seine Mandelbrotsche Interpretation, "works towards no finale; analogously, self-similiraty imposes no norm of completeness. The Alps [...] are self-similar, from skyline down to the boulder; and had a few mountains never been formed, we'd not deem the Alps 'imcomplete'. [...] A Draft Of XXX Cantos, while explicitly part of something larger, could be read as a complete poem, and so could any of its constituent Cantos. [...] Self-similarity in general confers the liberty to stop without incompleteness." Eben das scheint das Selbstbewußtsein gegenwärtiger Wahrnehmungen und Kunsproduktion zu sein.[/quote]

Ich fasse mal meine ersten Gedanken zu diesem Text zusammen:

Die Chaostheorie kann, wie jede andere wissenschaftliche Disziplin auch, nicht nur als geschlichte Ereignis im Sinne einer punktuellen Erkenntnis aufgefasst, sondern auch vor ihrem historischen Kontext im erweiterten oder auch diskursanalytischen Sinne betrachtet werden. Dass die Chaostheorie einen tiefen Bruch in der Wissenschaftsgeschichte hervorgerufen hat, sollte außer Frage stehen. Ebenso wie die beiden Hauptsätze der Thermodynamik (Energieerhaltung und Entropie), die sich nachgewiesener Maßen auf die Auffassung von Welt an sich ausgewirkt haben, beschreibt die Chaostheorie nicht nur physikalisch-mathematische Phänomene, sondern dringt tief in gesellschaftliche Strukturen vor.

Das Modell der Selbstähnlichkeit und fraktalen Struktur wird dabei zum Paradigma einer von der euklidischen Mathematik und newtonschen Physik enttäuschten (Post)moderne. Wenn schon das einfache Pendel sich nur näherungsweise mit einer linearen Gleichung beschreiben lässt, stellt sich die Frage, wie die schon vorher als "komplex" angesehen Vorgänge mathematisch beschrieben werden können. So dringt die Chaostheorie also nicht nur in bestehende Strukturen ein, sondern wird vielmehr zum zeitgenössischen Paradigma ihrer selbst, wie es auch die anderen großen Theorien vor ihr waren. Die großen soziologischen Theorien werden um Begriffe wie Chaos und dynamische Systeme erweitert (vor allem in der recht jungen Systemtheorie), allgegenwärtige chaotische Symptome wie das Wetter werden als solche erkannt und durch neue mathematische Methoden entmystifiziert - wenn auch nicht vollständig erklärt. Die Stärke der Chaostheorie liegt hier argumentativ natürlich in dem Fakt, dass sie ihr Scheitern (z.B. in exakten Voraussagen) schon immer aus sich selbst heraus erklären kann. Ich will das nicht als "dialektisch" beschreiben, aber dieses Wort lässt sich vielleicht, zumindest ansatzweise darauf übertragen.

So,

bis hierhin erst einmal,


ccm.