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Chaos und Soziologie

geschrieben von walter 
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Chaos und Soziologie
16. December 2004 09:29
Hallo
ich bin hier gerade auf dieses Forum gestoßen und muß gleich mal eine Frage stellen:
kennt jemand gute Literatur oder Links zum Thema Soziologie und Chaostheorie? Idealerweise Literatur, die von der Psychologie zur Masse führt.
wär super, danke
lg Walter
Re: Chaos und Soziologie
18. December 2004 14:12
Ok, der response is net sonderlich massiv.
Also probier ich die Frage anders. Hat jemand eine Idee, wie man die Chaostheorie auf die Selbstorganisation von Gesellschaften anwenden kann, auf Politik, Religionen, usw.
Dabei meine ich nicht die wirtschaftliche Anwendung.

lg Walter
Re: Chaos und Soziologie
28. December 2004 01:45
Hallo Walter,

Nunja, ich denke, dass die Menschen mit dem natürlichen System der Welt nicht zurechtkommen. Der Mensch will diese völlig normale und zu erwartende, durch das Chaos geschaffene, Ordnung stören. Er erfindet Verfassungen, Gesetze und Regeln. Er versucht, bildlisch gesehen, eine völlig rationale und berechenbare Welt, innerhalb des Weltsystems zu erschaffen. Die Menschen erhoffen sich so, unvorhergesehenen Ausbrüche, die Sie überraschen könnten, zu verhindern. Doch wir haben keine Chance. Wir können tagtäglich sehen, wie dieses System durch Naturkatastrophen oder andere unvorhersehbare Vorgänge, ins Wanken gerät. Die natürliche Ordnung ist viel zu Komplex und sie lässt keine Bildung eines rationalen durch den Mensch kontrollierten Systems, in ihrem Innern, zu. Wir werden immer an die Grenzen unserer Schein-Welt stoßen. Das natürlichste, das wir erreichen könnten, ist demzufolge ein Zustand der Anarchie (Denn das Chaos der Anarchie wird eine völlig natürliche Ordnung zur Folge haben). Doch eine solche Gesellschaftsordnung würde einiges von den Menschen abverlangen. Kein Mensch will seinem Schicksal mit offenen Armen entgegen sehen. Wir wollen unser Leben selber kontrollieren, uns eben eine eigene, überschaubare Ordnung schaffen. Wenn wir so weit wären, auf unsere künstliche Ordnung zu verzichten, würden wir den Zustand der Vollkommenheit (im Sinne des Weltsystems) erreichen. Doch ob das Wesen Mensch überhaupt zu so etwas fähig ist, ist sehr umstritten. Wir besitzen wahrscheinlich zu viele Urrtriebe in uns. Wir sind nicht variabel genug und unzureichend flexibel. Nein, ich glaube der Mensch wird es nie fertig bringen, sein selbst erschaffenes, künstliches System abzulegen.
Aber wir werden ja sehn was die Zukunft mit sich bringt. :-)

Naja, ich hoffe dich inspiriert das jetzt ein wenig weiter zu forschen.

Gruß
Thomas
Re: Chaos und Soziologie
29. December 2004 18:20
Hi Walter,

ich versuch mal was (sozusagen Stand-Up-Philosophie).

Woanders in diesem Forum hat mal einer geschrieben, daß chaotische Systeme eigentlich immer thermodynamisch seien. Ich laß das mal so unverdaut im Raume stehen, weil es mich hier jedenfalls weiterbringt.

Die Thermodynamik nämlich ist ihrerseits untrennbar verbunden mit dem Phänomen der Entropie, welches sich im Prinzip in zwei "Grundgesetze" unterteilen läßt:

Das Grundgesetz vom Aufstieg
Das Grundgesetz vom Niedergang

(das sind die Titel zweier Taschenbücher, ich glaube aus dem Heine-Verlag, die sich mit Entropie beschäftigen).

Wie kann es kontradiktorische Grundgesetze geben? Naja, vielleicht sind es nicht direkt Grundgesetze, aber jedenfalls sind sie nicht gleichzeitig anwendbar.

Das Grundgesetz vom Aufstieg gilt für solche offenen thermodynamischen Systeme, die eine positive Energiebilanz haben, also Energie aufnehmen; Musterbeispiel: die Erde unter der Wirkung der Sonneneinstrahlung.

Das Grundgesetz vom Niedergang gilt nur für
a.) offene thermodynamische Systeme, deren Bilanz negativ ist (die also Energie exportieren - z. B. die Sonne)
b.) geschlossene thermodynamische Systeme (das All).

Über b.) gilt das GG vom Niedergang also auch für die Erde, denn offene Systeme sind immer Teilsysteme eines übergeordneten geschlossenen systems.

Niedergang bedeutet, daß sich Energie (und also auch Materie) innerhalb des Systemes gleichverteilen. In Systemen mit Schwerkraft sammelt sich also früher oder später alles am Boden, in solchen ohne bilden sich homogene Wolken. Alle Unterschiede (Energieniveaus) gleichen sich aus, alles wird gleichwarm, gleichlaut, gleichhell, gleich... . Alles wird einfacher; denn Struktur bedeutet (gewillkürte) Ungleichverteilung, und je komplexer eine Struktur, desto ungleicher die Verteilung.

Genau das Gegenteil erleben wir auf der Erde: hier hat alles mit anorganischen Molekülen angefangen, dann kamen organische, Einzeller, Vielzeller, Artendifferenzierung ... Die Strukturen wurden komplexer, die Differenzierungen nahmen zu.

Wieso? Unter dem Druck der einstrahlenden Energie. Ich stelle mir das so vor, daß die ja irgendwo hin muß; so wie die Bücher in meiner kleinen Privatbibliothek: erst stelle ich sie ins Regal, dann in zwei Reihen ins Regal, dann mache ich kleine Türme auf dem boden, dann immer mehr und immer größere Türme ... (erinnert ein bißchen an den Zauberlehrling, was? "Oh Herr, die Not ist groß, die ich kaufte, die Bücher, werd ich nun nicht los!").

Nun ist das ein bißchen optimistisch, denn auf den Merkur strahlt noch viel mehr Energie ein, und da geht es keineswegs bergauf; statt dessen beschleunigt die Energiebilanz nur die Erosion (also Niedergang; vielleicht auch deshalb kein echtes Grundgesetz).

Aufstieg braucht also noch eine geheime Zutat X, um zu funktionieren.

So, und jetzt zur Politik.

a.) Ohne ständigen Energieinput ist jedes komplexe System, auch eine Glaubensgemeinschaft, auch eine Bürgerschaft, auch eine Kultur zum Niedergang verdammt. Sie alle brauchen aktive Beteiligung. Deshalb ist es kulturell wertiger, selber zu musizieren, als zuzuhören, aber immer noch besser zuzuhören, als gar nicht ins Konzert zu gehen. Besser, gewählt zu werden, als nur zu wählen, aber besser zu wählen, als nicht zu wählen.

b.) Energie alleine genügt nicht, sondern schadet u. U. sogar noch. Ein Populist, der die Massen zu Pogromen aufhetzt, der bewegt zwar etwas, aber eben die schiefe Ebene herunter Richtung Niedergang.

Bleibt als letzte Frage: welches ist diese geheime Zutat X?

Tja, und da ist leider meine Zeit vorbei. Vielleicht knüpft ja der nächste Aktivist an.

Grüße

Grägar
Re: Chaos und Soziologie
01. January 2005 07:24
Das Bestreben der Menschen nach Berechenbarkeit. Dinge, die so komplex sind, dass man besser darueber nicht nachdenkt, wie Herr Poincaree bereits treffend bemerkte, zerstoeren natuerlich diese Illusion.
Das nicht einmal die Stabilitaet unseres Sonnensystems
berechenbar ist,scheint nlcht gerade beruhigend.
Unser Sonnensystem wird morgen hoffentlich noch stabil sein, weil es ganz einfach schon sehr lange existiert. Und dabei eine evolutionaere Phase durchlaufen hat, in der sich alle instatbilen Zustaende bereits erledigt haben.
Fuer Walter vielleicht keine befriedigende Antwort. Aber versuche mal zu bestimmen welche soziologischen Systeme stabil sein koennten.
Ein instabiles politisches System koennte ich hier angeben.
Kommunismus. Hat sich erledigt oder ?



Beitrag bearbeitet (01.01.05 16:09)
Re: Chaos und Soziologie
03. January 2005 18:48
Hi richy,

das sich weitgehend (leider noch nicht weitgehend genug) erledigt habende politische System wird glaube ich real existierender Sozialismus genannt.

Kommunismus könnte der Namen des Attraktoren sein, um den herum es sich stabilisiert hat, und frei Marktwirtschaft ist der Name des Attraktors, der es zerrissen hat.

Aber so sicher wie das Amen in der Kirche wird irgendwann ein neuer Jesus oder Marx kommen und sein "Teilet, und Ihr werdet haben!" verkünden.

Es sei denn, natürlich, die Föderation schafft endlich den Mammon ab und verteilt an alle Replikatoren. Wie haben die eigentlich den Schlaraffenland-Effekt vermieden (alle liegen apathisch und vollgefressen herum)?

Grüße

Grägar
Re: Chaos und Soziologie
03. January 2005 22:13
Hi Graegar
Nicht gerade meine Fachgebiete. Sorry muss mich erst mal bischen schlau machen:
******************************
Soziologie:
http://de.wikipedia.org/wiki/Soziologie

Zusammensetzung aus dem lateinischen socius (gemeinsam) und dem griechischen lógos (Wort, Wahrheit, Wissenschaft).
... den Anspruch hat, mit einer Reihe von soziologischen Methoden das soziale Zusammenleben in Gemeinschaften und Gesellschaften zu erforschen. Dazu fragt die Soziologie nach dem Sinn und den Strukturen des sozialen Handelns sowie nach den damit verbundenen Normen und untersucht einzelne sozialen Gebilde (bzw. Systeme, Institutionen, Gruppen und Organisationen). Zugleich wirft sie ihren Blick auf den sozialen Wandel, dem diese unterliegen.

Politik:
http://de.wikipedia.org/wiki/Politik

Politik ist das Öffentliche: die zielgerichteten Handlungen und Ordnungen, die allgemein verbindliche Regeln sozialer Gemeinschaften oder eines oder mehrerer Staaten bestimmen. Der Begriff wird aus dem griechischen Begriff 'Polis' für 'Stadt' oder 'Gemeinschaft' abgeleitet.
******************************
Hmm ist Politik damit verordnetes soziales Verhalten ?
Na noch eine Definition:
http://de.wikipedia.org/wiki/Sozialismus
Sozialismus ist die Bezeichnung für politische Theorien, die auf gesellschaftlichen oder staatlichen Besitz der Produktionsmittel und damit des erwirtschafteten Profits, sowie eine gerechte Verteilung der Güter an alle Mitglieder der Gemeinschaft hinzielen. Dabei wird die Ansicht vertreten, dass Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und Würde der Menschen nur durch die Überwindung des kapitalistischen Wirtschaftssystems erreicht werden kann ...
Anm: Aha so eine Art utopischer Roman ?
oder einfach die alte Erkenntnis, dass sich in einer freien Marktwirtschaft
letztendlich doch die fairen Systeme durchsetzten ?
******************************
Gerechtigkeit, Freiheit, Gleichheit und Würde der Menschen ...
Ist das nicht schon in den Menschenrechten und auch unserem Grundgesetzt verankert ?

ahh glaube jetzt hab ich es kapiert was Politik und Sozialismus ist.
d.t.o. real existierend ist also das "Ausprobieren" des Sozialismus.
... und Kommunismus so wie du beschrieben eine Art politischer Attraktor ...

> Wie haben die eigentlich den Schlaraffenland-Effekt vermieden (alle
> liegen apathisch und vollgefressen herum)?

na,"keine Wurst gibts einen Stock hoeher, hier gibts nur keine Bananen."
Wenigstens keine ausgesprochenen Bananenrepubliken.
Kochbuecher fand man unter S wie Science Fiction. (Ich weiss kein guter Gag)
Aktuell wuerde ich so manche Speisekarte auch schon unter "S" einordnen.
Ausser beim Schnellchinesen ... Die sind ja aber angeblich fest in indischer Hand. Alles ist eben globalisiert. Und wenn in China ein Sack Reis umfaellt, dann kann dies ... Halt ne, an der Boerse sind die Chinesen ja noch nicht.

Mal sehen, vielleicht versuche ich auch noch was sinnvolles dazu zu schreiben..... Lese gerade nochmal deinen vorletzten Beitrag.
Komisch, jetzt habe ich ihn besser verstanden. Vorher hab ich mich blos mit der Frage beschaeftigt, dass doch auch Systeme ohne Energiezufuhr mittels selbstorganisation nicht voellig in lauwarmer Suppe enden.
Verstanden hab ich das bis heute nicht. Aber von dem abgesehen:

> Bleibt als letzte Frage: welches ist diese geheime Zutat X?

Betrachtet man zu viel Energiezufuhr als Chaos und lauwarme Suppe als Ordnung, schliesslich wird die Suppe ja zu einem Kristall erstarren ...
Dann duerfte eine schmale Grenzschicht zwischem Beidem wohl der interessante Bereich sein. Bei der Mandelbrotmenge ist dieser Bereich fraktal. Nehmen wir mal an die Menge sei ein Bild unserer globalen Gesellschaft. Ok zoomen wir auf einen Staat. Immer noch das selbe Bild.
Ein Teilsystem von diesem Staat, eine Stadt. Ein Fussballverein in dieser Stadt. Immer noch das selbe fraktale Bild. Zoomen wir ohne neue Aufloesung, Berechnung, ist der Fussballverein groeber aufgeloest. Der Praesident des Vereins ein Pixel davon. Ein Mensch ist aber mehr als ein Pixel ...

Das denke ich jedenfalls. Fuer mich ist eine Gesellschaft die Abbildung der Einzelnen. Eine Gesellschaft kann nicht sehr viel sozialer sein als der Durchschnitt aller Individuen.Klar, sie sollte es sein. Aber war Politik nicht
die Steuerung / Regelung sozialen Verhaltens ? (Meist wird gesteuert, nicht geregelt. (Regeln ist sinnvoller, da hierbei der Istzustand eingeht)).
Ok, schweife mal kurz ab:
Ein technisches Regelungssystem, dass durch die Messung die Regelgroesse signifikant veraendert, wuerde man auf den Muell werfen.
Ein Temperaturfuehler, der die Badetemperatur auf 30 Grad regeln soll,
aber durch den Messvorgang das Wasser auf 10 Grad abkuehlt wuerde ich eher als Kuehlaggegat bezeichen. Ok was ist die Regelgroesse ? Das sind die in einer sozialen Gesellschaft zu regelnden Geldfluesse.Die Regelung selbst erfordert einen Verwaltungsapparat, der jede Menge Geld kostet.
Und zwar um so mehr je mehr es zu regeln gibt. Das Geld wird der Regelgroesse entnommen. Daher meiner Meinung nach das momentan kalte Bad. Und meine Aussage:
Eine Gesellschaft kann nicht sehr viel sozialer sein als der Durchschnitt aller Individuen.
Auch wenn die Bild Zeitung meint es liegt an Sozialhilfeempfaenger Willi, der auf Mallorca ein schoenes Leben fuehrt.
Der ist nur 1/80 Millionster Teil unserer Gesellschaft.
Fazit:
Ob Marx und Lenin da ueberhaupt verstanden haben welche komplexen Vorgaenge sie da mit ein paar linearen Hypothesen erklaeren zu versuchten ? Das Kapital waere ja einfach. Aber das Kapital und der Mensch.
So ein Regler, der die Regelgroesse beeinflusst waere mal interessant zu untersuchen. Vielleicht auch erstmal als Steuerung:
uups wollte gar net so viel scheiben
ciao



Beitrag bearbeitet (04.01.05 14:57)
Re: Chaos und Soziologie
03. February 2005 11:17
Tja, also: gar nicht so einfach.
Die gängige Chaosthorie auf die Gesellschaftswissenschaften anzuwenden, dafür kann man viele unterschiedliche Ansätze haben, wie man ja in diesem Forum sieht. Wichtig ist sicherlich zunächst, dass man auch in der Mathematik (soweit ich weiß) aus nicht-stabilen, also chaotischen Systemen keine stabilen Systeme in der Kombination erschaffen kann.
Der Mensch als komplexer Organismus ist als Individuum chaotisch und da Gesellschaften aus der Mehrzahl von Individuen heraus entstehen, sind auch diese zwangsläufig chaotisch. Aber was bedeutet das?
Nun, wenn wir das etwas vereinfachende Schlagwort der Chaostheorie mit dem Schmetterlingsflügelschlag als potenzielle Grundursache für einen Tornado heranziehen und auf gesellschaftliche Problemstellungen transponieren, so wird dies ziemlich deutlich:
Innerhalb der vornehmlich durch die Arbeitsteilung und die zunehmende Globalisierung inzwischen tatsächlich unüberschaubaren Interdependenzverflechtungen von Menschen können kleinste Handlungen größte Ursachen haben, ohne dass es dem Handelnden zu Bewusstsein kommen könnte, auch im Nachhinein nicht, dass er wahrhaftig jenen "Schmetterlingsflügelschlag" vollzogen hat. Der Phantasie seien an dieser Stelle zwecks des Kreierens einer entsprechenden Szenerie keine Grenzen gesetzt, sicherlich gäbe es auch das ein- oder andere Beispiel in der uns bekannten Geschichte, wobei gerade solche weitaus fraglicher sind, als selbsterdachte. Warum, da komme ich gleich zu.
Die Folgen dieser Unüberschaubarkeit unserer Handlungen - entspringen diese nun emtionalen, rationalen oder sonst welchen Ambitionen - sind abzusehen.
Zunächst wird die historische und soziologische Aufarbeitung von "Ursachen" für Ereignisse wie Revolutionen, Kriege oder friedliche gesellschaftliche Umwälzungen vor diesem Hintergrund zur Oberflächlichkeit und Spekulation verdammt, da einen solchen Schmetterlingsflügelschlag im Nachhinein herauszueruieren nicht möglich sein dürfte (ich bin kein Mathematiker, aber es dürfte schon ziemlich schwer sein, aus der graphischen Darstellung eines willkürlichen Fraktals die als unbekannt vorausgesetzte zugrundeliegende Formel herauszufinden, wobei man in diesem Fall ja sogar wirklich ALLE Details im Ergebnis kennte, und der graphischen Darstellung der Weltgeschichte unter Berücksichtigung des Zeit-Faktors - auch vor 2000 Jahren vollführte Schmetterlingsschläge haben heute noch ihre Auswirkungen- eine recht komplexe Formel als Basis dienen dürfte).
Außerdem hat diese Erkenntnis, sofern es denn eine zu sein anstreben dürfte, zur Folge, dass der Begriff der Autonomie des Körpers "Gesellschaft" in der Soziologie gegenüber den ihn bildenden Individuen ins argumentatorisch ins Wanken gerät, da in letzter Konsequenz doch individuelles Handel jegliche Bewegung innerhalb der Gesellschaften bestimmte. Die Autonomie der Gesellschaft entpuppte sich als Mythos, der, wie alle Mythen, seinen Ursprung in der diffusen Unerklärbarkeit einiger Erfahrungen fände - eine Unerklärbarkeit, die sich gegebenenfalls erklären ließe anhand der Anwendung des bekanntesten Schlagwortes der Chaostheorie auf soziologische Probleme.
Würde mich sehr über Antwort freuen, Danke,
Nico
Re: Chaos und Soziologie
03. February 2005 13:54
Hi Nico,

daß sich aus nicht-stabilen Systemen auch durch Kombination kein stabiles System erzeugen läßt, leuchtet zwar irgendwie ein, ist aber dennoch zu relativieren.

Denn es will mir scheinen, daß dies nur in der Gesamtbetrachtung gilt; dagegen läßt sich anscheinend durch Kombination spontan zerfallender Einheiten (Isotope) eine temporär stabile und berechenbare übergreifende Einheit (radioaktives Material) erstellen.

Oder nehmen wir Fraktale: diese entwickeln ihre Selbstähnlichkeit nur, wenn man in sie reinzoomt. Zoomt man aber raus, dann verlieren sie diese Eigenschaft irgendwann und scheinen dann eine "stinknormale" Grafik zu sein (Apfelmännchen).

Ich nenne das jetzt mal einfach "Verarmung". Vielleicht ist das dasselbe, was an der Grenze zwischen Quanten- und Makrokosmos geschieht: es geht einfach so viel Information verloren, daß die Instabilität nicht mehr aufscheint.

Das jedenfalls könnte man auf Gesellschaften übertragen: es ist zwar jeder Mensch an sich und als solcher chaotisch; von ihm fließt aber nur so marginal wenig Information in das Gesamtsystem rein (ich z. B. kenne schon von meinem Urgroßvater wenig mehr als den Namen und seinen Geburts- und Todestag - naja, und seine Nachkommen natürlich.), daß er bezogen auf diese Ebene nicht destabilisierend, sondern stabilisierend wirkt. Schafft es dagegen jemand, sich stärker "in die Gesellschaft einzubringen", dann kann er sie verändern = destabilisiert den aktuellen Status.

Deswegen sprach der alte Römer wohl von plebs, was angeblich eigentlich "Füllmasse" heißen soll.

Naja, halt nur so eine Idee von mir.

Schöne Grüße

Grägar
Re: Chaos und Soziologie
01. June 2005 12:59
Hi Grägar,
als nichtIngenieur, nichtWissenschaftler freue ich mich über die Diskussion auf dieser Seite. Begierig lerne ich und frage mich auch: Warum kann man chemische Vorgänge oder den Hauptsatz der Thermodynamik auf Menschen übertragen?
Mir persönlich erscheint alles Lebendige, alle Pflanzen, Tiere und Menschen genau im Gegengesatz zu dem Geheimnis der Entropie zu stehen.. (was natürlich nicht so ganz stimmt). Soziale Systeme? Was ist ein soziales System in der Chaostheorie? Ist meine Familie ein soziales System? Das Vielfamilien-Haus in dem ich wohne ist dann auch ein soziales System? Kleinste Veränderungen wirken sich auf das Ganze aus. Ich fahre zu Ikea, eine neue Liege, möchte es ja bequem. Schon muß ich alle anderen Möbel umstellen, weil sonst kei Platz ist. Die ganze Wohnung ändert sich. Vielleicht schmeiße ich ein anderes Möbelteil weg. Wegens Platz.
Schon ist vielleicht jemand sauer, wo ist das Möbel, es war mein Lieblingsmöbel, schon ergeben sich vielleicht neue soziale Strukturen.
Also doch etwas wie Chemie.
Ich habe den Verdacht, daß man die chemischen Bindungen nicht vergessen sollte. Das Netzwerk, das alles zusammenhält wie Kohlenwasserstoffbrücken.
Ein Netz wirkt ja sehr anpassungsfähig, ist verformbar und geht nach Belastung in die alte Form zurück. Netze zu zerstören ist enorm schwierig, da sie auch beim Ausfall einzelner Verbindungen noch relativ stabl bleiben.
Ich denke unsere Evolution hat etwas in unserem Denken und Handeln Netzartiges ausgetüftelt. Man braucht auch die Großeltern dazu, mit denen man erstaunlich verbunden ist, auch wenn man sie persönlich nie gekannt hat.
Jetzt kommt meine Frage zu Deinem Satz:
"daß sich aus nicht-stabilen Systemen auch durch Kombination kein stabiles System erzeugen läßt, leuchtet zwar irgendwie ein, ist aber dennoch zu relativieren.."
Warum kann man Isotope oder radioaktivem Zerfall mit Systemen von Menschen und sozialen Systemen vergleichen? Lässt sich dieses Bild übertragen?
Grüße Bernardo
Matthias
Re: Chaos und Soziologie
15. July 2005 18:31
Hallo Bernado,
deine Fragen bei gegebenem Erkenntnisstand verstand. Die einfache Übertragung nnaturwissenschaftlicher Formeln auf soziologische Bereiche ist sicherlich mit Skepsis zu betrachten. Alle grundlegenden naturwissencshaftlichen Formeln basieren nämlcih auf langen empirischen Betrachtungen. Daraus formten Wissenschaftler formeln, die sich in ihrer Anwendung als richtig herausstellten. Auf diesen Formeln (beispielsweise die Newton´schen Axiome) wurden dann weitere Erkenntnisse erforscht. Nun gibt es die Soziologie mit diesem Wort erst seit der Mitte des 19 Jhdt. Owohl schon Charles de Montesquieu im 18 Jhdt mit deinem Werk "Vom Geist der Gesetze" eine Abhandlung über die Unterschiede und Gemeinsankeiten verschiedener Gesellschaftsformen verfasste.
Gemeinsam haben nun Sozialwissenschaften und Naturwissenschaften den Drang in ihrem Bereich (aber nicht nunr dort) neues Wisswen zu schaffen. Dazu bedienen sie sich häufig der selben Fachwörter. So finden System und Entropie (einfach gesprochen: der unerklärliche Energieverlust eines Systems) ihre Erwähnung in der Physik und der Soziologie. Ganz allgemein handelt es sich bei Systemen um eingegrenzte Bereiche, die sich durch verschiedene Systemzustände auszeichen. Stell dir eine U-Bahn im soziologischen Sinn als System vor. Während der Fahrt sind seine Grenzen geschlossen. In ihm sind verschieden Personen, die sich nicht nur durch ihre individuellen Charakteristika, sondern auch ihre gesellschaftliche Rolle und SChicht unterscheiden. In meiner Beispiel will ich jedoch nur auf zwei bzw. drei Systemzustände eingehen. Der Fahrgast im Zug, der Aus- bzw. Einsteiger und der Schaffner. Alle haben im System ihre spezielle Aufgabe. Aber zwischen ihnen herrscht darüber hinaus auch eine Dynamik. So kann ein Schaffner kündigen oder gefeuert werden und ein Fahrgast kann Aussteigen. Wichtig ist für die Stabilität des Systems lediglich, dass die Anzahl aller Personen die Handlungen im Rahmendieses Systems (U-Bahn) vollziehen gleich bleibt. Un dazu auch die Anteile der Systemzustände (also Schaffner, Fahrgast) gleich bleiben. Dann wenn beispielsweise die Zahl der Schaffner pro Wagon im Verhältnis zu Fahrgästen zu stark sinkt, könnten zu viele SChwarzfahrer mitfahren und die Finanzierung der U-Bahn und damit damit die Stabilität des Systems gefährdet sein.

Kann man nun feststellen, dass dem System Menschheit jegliche Ordnung fehlt? Ist das Verhalten einzlner Gruppen oder Völker vor allem im Miteinander als chaotisch zu betrachten?

Nun, mit Lorenzgleichungen und SChmetterlingeffekten kenne ich mich nicht aus. Jedoch bin ich überzeugt, dass zwischen den Menschen als einzelne Individuen auf der Mikroebene genauso, wie Makroebene oder im Bereich der Institutionen und Organisationen ein energetischer Zusammenhang besteht. Diesen Zusammenhang in eine Formel zu bringen, wäre sicherlich ein Traum vieler Soziologen und andere Wissenschaftler. Ich bin jedoch fest davon überzeugt, dass die Entdeckung einer solchen Formel Möglichkeiten erschlösse, die ähnlich wie im Bereich der nuklearen und biochemischen Forschung, ungeahnte und unberechenbare Folgen nach sich zögen.

Grüßle

Matze

P.S.: Wenn du dich mit soziologischen Fachwörtern mehr auseinandersetzen möchtest. Günther Endruweit/Gisela Trommsdorff: Wörterbuch der Soziologie, 2002, Lucius und Lucius, 2. Auflage
Re: Chaos und Soziologie
20. July 2005 18:25
Nur so nebenbei, bin Sozialwissenschaftler und auf der Suche nach tragbaren Konkretisierungsmöglichkeiten der innergesellschaftlichen Entropie auf diese Seite gestoßen...

Wenn es interessiert, @Matze & Co, der möge sich einmal die Ansätze der energetischen Soziologie anschauen. Als namentliche Hauptvertreter wären zu nennen: Ernest Solvay, Wilhelm Ostwald, Waxweiler, etc.

energetische grüße...